| 1. Die Spezifik von Kunst und Wissenschaft im Erkenntnisprozeß |
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Die folgende Betrachtung soll keine allgemeine und umfassende Antwort auf die Frage geben, was Wissenschaft und was Kunst ist. Mir geht es darum, die spezifischen Unterschiede und Ergänzungen beider Ebenen der Erkenntnis herauszuarbeiten. |
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| Was erkennen wir mit Hilfe der Wissenschaft? |
Wissenschaft gilt als eine spezifische Art der "Widerspiegelung" bzw. Abbildung der Realität, bei der es darum geht, die Gesetzmäßigkeiten, also die allgemein(st)gültigen Aussagen über diese Realität in einer allgemeinen, spezifischen Sprache auszudrücken. Dabei kommt es darauf an, diese Aussagen möglichst "objektiv" zu treffen, also von Einzelheiten, Besonderheiten, Störungen usw. abzusehen. Die dafür gewählte Methode ist die sogenannte "Abstraktion" - man erfaßt das, was bei allen Phänomenen übereinstimmt, allen Einzelerscheinungen (z. B. allen Stößen oder Würfen mit einer Kugel) gemeinsam und wiederholbar ist. Wissenschaft erfaßt sozusagen die "Einheit in der Vielheit". |
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| Was erkennen wir mit Hilfe der Kunst? |
Kunst hebt genau diese andere Seite, die in der Wissenschaft vernachlässigt werden muß, um zu allgemeingültigen Aussagen kommen zu können, hervor:
das Besondere, das Einmalige, das Unwiederholbare, das Extreme. Während in der Wissenschaft die Sprache, in der die Erkenntnisse ausgedrückt werden, vereinheitlicht wird (Fachbegriffe, Definitionen, Formeln und einheitliche Formelzeichen, Gesetzmäßigkeiten), ist es in der Kunst besonders wichtig, eine dem jeweils darzustellenden Objekt entsprechende spezifische "Sprache" bzw. Ausdrucksform zu finden. In den Stilrichtungen der Malerei läßt sich die Entwicklung dieser Ausdrucksformen besonders anschaulich verfolgen. Mit anderen Worten, hier spielt das Subjekt, der Beobachter in seiner individuellen Sichtweise die besondere Rolle, hier geht es um die Darstellung der "Vielheit in der Einheit".
Angemerkt sei in diesem Zusammenhang, daß sowohl Kunst als auch Wissenschaft in starkem Maße von der "männlichen" Subjekt-Objekt-Trennung geprägt sind.
Die historisch notwendige (Wieder-)Aufhebung dieser Trennung
steht auf der Tagesordnung und wird aller Voraussicht nach Aufgabe der Frauen in Wissenschaft und Kunst sein. |
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| Wissenschaft selbst ist eine Kunst |
Kunst kann helfen, die Sinne zu schulen. Wer sich mit ihr beschäftigt, lernt z. B., genauer und aufmerksamer hinzusehen oder hinzuhören. Man lernt, Details besser wahrzunehmen und gleichzeitig Zusammenhänge zu erkennen. Hier verbinden sich Analyse und Synthese auf unmerkliche Art.
Dieses geschulte Wahrnehmungsvermögen hilft im wissenschaftlichen Erkenntnisprozeß. Wissenschaft wiederum kann helfen, Kunst bewußter zu gestalten und wahrzunehmen. Es liegt also ein klassisches dialektisches Wechselverhältnis zwischen beiden Bereichen vor. Noch spannender wird es, wenn man die Wissenschaft selbst als Kunst sieht: auch für wissenschaftliches Denken gibt es eine mehr oder weniger ausgeprägte Begabung und man muß - wie in der Kunst - diese Begabung in einem langen, anstrengenden Weg schulen: die wissenschaftliche Methode, das wissenschaftliche Denken wollen genauso gelernt und trainiert sein wie künstlerische Techniken.
Auch wenn jeder Mensch unterschiedlich ausgeprägte Begabungen für Kunst und Wissenschaft "in die Wiege gelegt bekommt", gilt andererseits, daß jeder Mensch nicht nur kreativ-künstlerisch tätig sein kann, sondern auch das spezifische wissenschaftliche Denken erlernen kann.
Was jedoch in der Schule meist in den mathematisch-naturwissenchaftlichen Fächern gelehrt wird, ist so etwa vergleichbar mit dem "Ausmalen nach Zahlen". Sorry. |
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| Wissenschaftliche Erkenntnisse als Voraussetzung für das Verstehen von Kunst |
Die Kunst zu verstehen, setzt nicht nur Wissen in z. B. Geschichte, Politik, Psychologie und Kunstwissenschaften voraus, auch mathematisch-naturwissenschaftliches Wissen spielt eine Rolle für das Verstehen von Werken des künstlerischen Schaffensprozesses. Bestes Beispiel ist Salvatore Dalis Werk "Cubus Hypercubicus" - die Darstellung eines "vierdimensionalen Würfels", wie er auch in der Geometrie dargestellt wird:
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Diese Abbildung habe ich u. a. gefunden auf der Webseite der Uni Greifswald. |
| 2. Ergänzung oder Gegensatz? |
| Überlegenheit |
Oft könnte man den Eindruck gewinnen, daß Wissenschaft die alleinige Form ist, in der die Welt "richtig" erkannt werden kann. Sie hat das Sagen, das letzte Wort: gegen Urteile von "Sachverständigen" und "Experten", die mit "wissenschaftlicher Beweiskraft" etwas darstellen, ist kein Argument mehr möglich. Was nicht durch die Brille der Wissenschaft gesehen wird, gilt als minderwertig, einfältig, naiv oder weltfremd.
Daß Kunst eine Erkenntnisform ist, dürfte angesichts der Entwicklungen der vergangen rund 100 Jahre auch nur von wenigen akzeptiert werden. |
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| Beide werden gebraucht |
Die Frage in der Überschrift habe ich bewußt in dieser formal-logischen Form gestellt. Im dialektischen Denken ist das Verhältnis zweier Pole oder Gegensätze leichter zu erkennen als im formal-logischen Denken. Genauso wie bei den "Gegensatz"-Paaren männlich-weiblich, Nord- und Südpol usw. gilt auch hier: erst beide "Pole" gemeinsam ergeben das "ganze Wesen": der "ganze Mensch als Mann und Frau", die "ganze Erde mit Nord- und Südpol".
Genauso geht es um die "ganze Möglichkeit menschlichen Erkennens". In diesem Sinne wäre unsere Welt ärmer, wenn es nur eine der beiden Formen - nur die Kunst oder nur die Wissenschaft - gäbe. In ihrer gegenseitigen Ergänzung machen sie den Reichtum des menschlichen Geisteslebens aus. Es gibt keine "überlegene" oder "bessere" Sichtweise. Oft ist es gerade die Verbindung beider Erkenntnisformen, die zu Erkenntnissen führt, die eine Seite allein nie zustande bringen könnte.
Ich will nur einige wenige Beispiele dafür nennen: |
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| 3. Beispiele |
| Leonardo da Vinci und Goethe |
In den Arbeiten von Leonardo da Vinci dürfte die Verbindung von Kunst und Wissenschaft die bis heute höchste Vollkommenheit erreicht haben.
Auch Goethe war bekannt als sowohl wissenschaftlich wie auch künstlerisch tätiger Mensch. Daß seine wissenschaftlichen Arbeiten bis heute von Wissenschaftlern oft als die Arbeiten eines "Dilettanten" abgetan werden, ist dabei erst einmal weniger wichtig. Es gab schon immer sogenannte "Dilettanten", die wesentlich zur Entwicklung der Wissenschaft beigetragen haben - gerade wohl auch, weil ihr Blick und ihre Denkweise noch nicht so wissenschaftlich eingeengt war und ist. Und für neue Sichtweisen ist nun einmal eine kreative Denkweise, die ansonsten eher Künstlern nachgesagt wird, von elementarer Bedeutung.
Die Ausstellung des "Goethe-Mobils" ist übrigens ein sehr gelungenes Beispiel für die praktische Verbindung von Kunst und Wissenschaft: dort werden sowohl künstlerische als auch physikalische Informationen und Experimente zur Farbwahrnehmung angeboten. |
mehr zu Goethes wissenschaftlicher Arbeit und zur Ausstellung in Farbenlehre |
| Holographie |
Mitte der 90er Jahre stieß ich auf eine ebenfalls sehr nachdenkenswerte Formulierung: Es ging um die "Anwendung der Holographie". In der "Lexikothek" wurde darüber geschrieben: (Band 1, S. 342):
„Künstler haben sich dieser Technik bereits vereinzelt bemächtigt.“
Ein Hinweis auf ein Museum in New York, „wo man entsprechende Bilder bewundern kann.", folgte.
Das Wort "bemächtigt" verwunderte mich außerordentlich. Es klang, als hätten die Künstler etwas getan, was eigentlich nicht erlaubt ist. |
Die große Bertelsmann LEXIKOTHEK
NATURWISSENSCHAFT UND TECHNIK
in drei Bänden
Bertelsmann Lexikothek Verlag GmbH Gütersloh, 1985, 1990 E
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| Max Bill und die Geometrie |
Kürzlich wurde ich auf diesen Künstler aufmerksam. Er hat sich aus künstlerischer Sicht mit geometrischen Fragen beschäftigt.
Die folgenden Fotos von fünf seiner Kunstwerke habe ich in der Wikipedia unter seinem Namen gefunden. Es wird ausdrücklich betont, daß man sie kostenlos nutzen darf. |
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| Fünf räumlich getrennte Teile, die zusammen gehören |
Diese fünf Halbkugeln - die "Familie von fünf Halbkugeln" - stellen ein Kunstwerk dar, auch wenn sie räumlich getrennt aufgestellt sind. Ihr innerer Zusammenhang wird sicher auf einen Blick deutlich.
Normalerweise sind wir es gewohnt, wenn wir das Wort "Halbkugel" denken, uns ein Gebilde vorzustellen, das diese Form hat: |
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| Die "mathematische" Halbkugel, die "Ein-Halb-Kugel" |
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| Die "Zwei-Viertel-Kugel" |

Auch die folgenden Formen sind "Halbkugeln" im Sinne, daß zwei gleiche Teile zusammengesetzt eine ganze Kugel ergeben: |
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| Die "Drei-Sechstel-Kugel" |
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| Der "halbe Tennis-Ball" |
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| Die Lange Nacht der Museen im Januar 2010 in Berlin |
Leider erfuhr ich erst im Nachhinein von dieser Veranstaltung: die 26. Museumsnacht in Berlin am 30. Januar 2010 hatte zum Schwerpunkt
"Wissenschaft als Kunst" oder die "Kunst als Wissenschaft".
Deshalb kann ich hier diese Veranstaltung hier auch nur erwähnen, aber nicht mehr darüber schreiben. |
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| 4. Analogien |
| Physik und Philosophie |
So wie ich auf dieser Seite versuche, erste Gedanken über die Parallelen und Ergänzungen zwischen Kunst und Wissenschaft vorzustellen, so gibt es auch Parallelen zwischen anderen Wissensbereichen. Besonders habe ich mich bisher mit dem Zusammenhang von Physik und Philosophie aus weiblicher Sicht befaßt. |
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| Wissenschaft und Theologie |
Die Feindschaft zwischen Wissenschaft und Theologie ist die bekannteste Gegensätzlichkeit zwischen der Wissenschaft und einem anderen geistigen Bereich. Viele Wissenschaftler und Theologen arbeiten bereits an einer "Versöhnung" der feindlichen Brüder, weil sie erkannt haben, daß sie beide benötigt werden.
Einer ihrer Streitpunkte ist die Frage nach der "causa finalis" - der Zielursache, die bisher von der Physik nach wie vor für nicht existent erklärt wird. Jeder, der sich dafür interessiert, begibt sich (noch!) auf sozusagen "unwissenschaftliches Terrain". |
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| Wissenschaft und Mystik |
Über Mystik gibt es so verschiedene und so viele falsche Vorstellungen, daß es auf den ersten Blick kaum glaublich erscheint, daß auch zwischen diesen beiden Bereichen Parallelen, Ergänzungen und Annäherungsmöglichkeiten bestehen. Es gibt Wissenschaftler wie den Physiker Hans-Peter Dürr, die an einer Vernetzung beider Erkenntnisbereiche arbeiten.
Vorerst verweise ich hierzu auf meine alten Texte, in denen ich einen ersten Einstieg in die Mystik gebe: |
siehe Atommodell » Lesematerial » Anhang |
| Mathematik, Märchen, Jesus und Aitmatov |
Was haben Mathematik, Märchen, Jesus und z. B. der kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatov gemeinsam?
Aitmatov erwähne ich deshalb, weil beim Nachdenken über die Wirksamkeit seiner Sprache, seiner Erzählungen und Romane mir dieser Zusammenhang klar wurde.
Mir fiel auf, daß in seinen Erzählungen in meisterlicher Verdichtung und Sprache ein spannender konkreter Prozeß geschildert wurde. Darüber hinaus stellte diese konkrete Darstellung gleichzeitig eine Verallgemeinerung von allgemeinsten menschlichen Fragen und Probleme dar - er verband also das "Einzelne", "Besondere" und "Einmalige" mit dem "Allgemeinen", mit dem, was in dieser oder anderen Form so ähnlich wiederholbar ist.
Jesus erreichte mit seinen "Gleichnissen" in höchster Verknappung und Einfachheit die gleiche Wirkung: anhand seiner kleinen Beispiele wurden allgemeingültige Menschheitsfragen sozuagen an einem Bild bzw. "Modell" anschaulich gemacht.
In Märchen wird mit Hilfe extremster und unwahrscheinlichster Besonderheiten (Extremereignisse, Zauberei usw.) ebenfalls allgemeingültiges Wissen gleichnishaft vermittelt.
Mathematik mit ihren "Gleichungen" nun liefert die höchste Form der Verallgemeinerung konkreter Dinge und Prozesse schlechthin. Sie abstrahiert von allen konkreten Besonderheiten und stellt somit zu Recht die Basis aller wissenschaftlichen Erkenntnis dar.
Vergessen wird dabei ein wenig, daß sie damit sozusagen zur höchsten "Analogie-Wissenschaft" schlechthin geworden ist.
Vielleicht kann das "Analogie-Denken" eine Hilfe sein, auch die Analogien zwischen Kunst und Wissenschaft bewußter wahrzunehmen? |
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