Nein, es war nicht die "Sophia", die mich inspirierte, dieses Kapitel in das Thema "Wissenschaftstheorie" aufzunehmen: es war die Physikerinnentagung 2007, speziell der Beitrag von Herrn Professor Heinz-Jürgen Schmidt
"Philosophie für Physikerinnen" (siehe auch
DPT 2007). Warum wohl - so meine Frage, die bei diesem Vortrag auftauchte - will Prof. Schmidt die jungen Physikerinnen vor der Beschäftigung mit der Philosophie warnen? Warum meint er (bzw. zitiert er jemanden, der meinte), daß Philosophie für Physiker das sei, was die Ornithologie für den Vogel sei? Ist er wirklich besorgt um die Erkenntnisentwicklung der jungen Frauen, will er schlimmes verhüten - oder ist in seinen Augen das Interesse der Physikerinnen für Philosophie etwa gefährlich für etwas ganz anderes - für die heute so einseitig "männlich- gelehrte" Physik?
Eine Erkenntnis, die ich aus seinem Vortrag auch mitnahm, war die Bestätigung meiner
Gegenüberstellung der Selbstdefinition der heutigen "männlichen" Physik über mathematische Methode und der von mir unter "weiblicher" Physik zusammengefaßten Vorstellungen von Physik, in der die "Philosophie als wichtigste Methode der Betrachtung physikalischer Prozesse" bezeichnet wird (siehe
Denkprinzipien).
In der Geschichte der Physik gibt es einige Frauen und auch Nobelpreisträgerinnen, die Einfluß auf die Entwicklung der Physik genommen haben und in der Physikgeschichte auch erwähnt werden.
Es wird schwierig, in der heutigen offiziellen Philosophie-Geschichtsschreibung eine Frau zu finden, die auch nur einen einzigen grundlegenden Gedanken in die Inhalte der Philosophie eingebracht hat. Nach dem Selbstbekenntnis von Philosophen und Philosophiegeschichtschreibern
ist Philosophie eine Leistung "großer Männer", spiegelt die Gedanken ausschließlich der Männer. Das impliziert, daß Philosophie keine oder kaum Frauen-Sache ist.
Haben Frauen wirklich kein Philosophie-Verständnis? Oder - so könnte man versucht sein zu schlußfolgern - ist Philosophie in noch weit stärkerem Maße als die Physik eine "Männerdomaine", zu der der Zugang für Frauen noch wesentlich schwieriger ist als zur Physik? Oder
wird hier wieder einmal verschwiegen, was unbequem ist?
Das wäre also die erste hier zu stellende Frage:
Gibt es geistige Leistungen von Frauen, die in der heutigen offiziellen Philosophie-Geschichtsschreibung ignoriert werden?
Prof. Schmidt
bestätigte mir, daß
die Abgrenzung von Philosophie und Physik heute ein Ausmaß erreicht zu haben scheint, wie es bereits zwischen Wissenschaft und Theologie bekannt ist und für das es nur ein Wort gibt:
Feindschaft:
Keiner darf das Territorium des anderen betreten, sonst "Gnade ihm Gott".
Doch Physikerinnen haben trotzdem wohl ein zu großes Interesse an Philosophie, dem muß man begegnen. Anders kann ich seinen Vortrag nicht interpretieren.
Die zweite Frage muß deshalb so gestellt werden:
Welche objektiven Gründe gibt es für die Feindschaft zwischen Physik und Philosophie und gibt es Möglichkeiten, diese Feindschaft zu überwinden?
Die dritte Frage befaßt sich schließlich damit, wie aus weiblicher Sicht Antwort auf philosophische Fragen gegeben werden kann und welche Erkenntnisse sich daraus für die Physik ableiten lassen.
Diese drei Fragen umreißen den von mir für dieses Thema geplanten Inhalt. Schon jetzt kann ich das Ergebnis vorwegehmen:
Die Zusammenfasssung und die Schlußfolgerungen, die sich aus der Beantwortung dieser drei Fragen ergeben, sind:
1. Eine
"weibliche" Physik muß über die jetzige Mathematisierung der Physik und ihre Abgrenzung gegen die Philosophie hinausgehen: sie beinhaltetet
wesentlich eine philosophische Interpretation physikalischer Phänomene. D. h. für Physikerinnen ist es - so hoffe ich zumindest - daher besonders interessant, sich auf die Spuren von Frauen auch in der Philosophiegeschichte zu machen.
2. Es ist die Aufgabe der Frauen in Physik und Philosophie, diese von Männern verursachte Teilung wieder aufzuheben. Das ist keine politische, sondern
eine inhaltliche und methodische Herausforderung an das Denken der Physikerinnen und Philosophinnen.
3. Das Ziel, das philosophische Wissen insgesamt, insbesondere aber das Wissen der Frauen stärker in der Physik zu berücksichtigen, kann vermutlich nur durch eine entsprechende Integration auch in die Lehrpläne der Universitäten realisiert werden.
Diese drei Aufgaben lassen sich zusammenfassen unter der Überschrift:
Die Einheit von Naturwissenschaft(en) und Geisteswissenschaften.