| 3. Was meint "Objektivität" überhaupt? |
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| Sprachanalyse |
Was meint das Wort "Objektivität" überhaupt?
Mit dem Wort "Objektivität" wird in der Wissenschaft und außerhalb der Wissenschaft wohl mehr Schindluder getrieben, als man es sich vorstellen kann.
"Du bist nicht objektiv!" ist z. B. ein Vorwurf einer Seite in einem Streit. Damit will man gleichzeitig für sich selbst in Anspruch nehmen, "objektiv" zu sein. Wer einem anderen das vorwirft, handelt oft nach der Methode "Haltet den Dieb."
"Objektiv" zu sein, meint gelegentlich auch, "unparteiisch" zu sein. Doch sind beide Worte - "objektiv" und "parteiisch" - wirklich gegensätzlich? Wenn ich sehe, daß ein Mann seine Frau schlägt und sage das wahrheitsgemäß als Zeuge vor Gericht aus, dann unterstütze ich die Partei der Frau. Wenn ich die Partei des Mannes unterstützen wollte, müßte ich jedoch lügen. Auch die Wahrheit kann "parteiisch" sein in dem Sinne, daß sie einer Partei nützt und der anderen schadet.
Das Wort "objektiv" beruht auf der Tatsache, daß wir unsere Erkenntnis als erkennendes Subjekt wesentlich aus der Gegenüberstellung zu einem erkennenbaren Objekt gewinnen. Da jedes Subjekt sehr subjekiv erkennt, gibt es in den Erkenntnissen logischerweise Unterschiede: das müssen nicht einmal Gegensätze sein, schon die Wertung oder Wichtung, die Interpretation einzelner Elemente oder Seiten eines Objektes kann aus Sicht verschiedener Subjekte unterschiedlich sein. Deshalb hat es sich eingebürgert, nur die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Subjekte in ihrer Erkenntnis als "objektiv" zu bezeichnen. Eng verknüpft mit dieser Reduzierung der Erkenntnis auf das Übereinstimmende ist die wissenschaftliche Forderung nach "Wiederholbarkeit", auf die ich an anderer Stelle noch zu sprechen komme. |
Solche Vorwürfe können auch in dieser Form auftauchen:
"Du bist subjektiv."
"Du gehst mir Vorurteilen an die Sache."
"Du bist nicht "sachlich." |
| Subjektlosigkeit |
Bisher geht Wissenschaftsverständnis davon aus, alle subjektiven Besonderheiten auszuklammern und das allen Subjekten Gemeinsame herauszufinden. In diesem Sinne ist eine Erkenntnis "objektiv", wenn diese von allen gleichermaßen als "wahr" anerkannt wird.
Wie es praktisch damit aussieht, dafür bietet z. B. der Streit zwischen Einsteinanhängern und Einsteinkritikern ein beredtes Beispiel.
Objektivität ist also eher eine Frage der "Vereinbarkeit", der Absprache unter Wissenschaftlern, die das Sagen haben: sie bestimmen, welche Erkenntnisse als objektiv zu gelten haben.
Damit wird der Begriff selbst zu einer subjektiven Frage, einer Frage, die dem subjektiven Ermessen unterworfen ist. |
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| Ein Beispiel |
Zugegebenermaßen ist das folgende Beispiel sehr, sehr einfach gewählt:
Wenn ich einen Würfel habe, der auf jeder Seite eine andere Farbe oder ein andere Kennzeichen hat, wird jeder der Beobachter eine andere Aussage darüber machen. Jeder wird überzeugt sein, daß seine Sicht "richtig" und die der anderen "falsch" ist.
Wenn sich alle jedoch einigen, daß "jeder recht hat" und sie dann beginnen, sich zu fragen, warum es zu so unterschiedlichen "subjektiven" Auffassungen kommt, haben sie die Chance, das Wesen des Würfels zu erfassen: seine "Vielseitigkeit" in doppelter Bedeutung. |
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| Standpunkte vergleichen |
Allgemein gesprochen bringt ein Streit über verschiedene Sichtweisen die Erkenntnis nicht voran, nur ein Vergleich der verschiedenen Standpunkte: was kann mir die Sicht des anderen an Erweiterung meines eigenen Wissens bringen?
Das ist eine "typisch weibliche" Art und Weise, mit anderen Meinungen, Auffassungen, Erkenntnissen umzugehen: sie nicht als Bedrohung des eigenen Wissens ("Wissen ist Macht") zu nehmen, sondern als Bereicherung.
Wenn ich meines Wissens sicher bin, kann es mir durch anderes Wissen nicht bedroht und nicht weggenommen werden.
Auch die Erkenntnis, daß die Erde eine Kugel und keine Scheibe ist, hat die alte Sicht nicht wirklich "bedroht" (die Erde ist ja damit nicht verschwunden), nur den Horizont erweitert. |
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| Objektivitäts-Anspruch ... |
... oder Forderung nach Objektivität?
Es gibt viele Wissenschaftler und Nichtwissenschaftler, die meinen, weil etwas im Namen der Wissenschaft gesagt wird, sei damit automatisch gesichert, daß das auch "objektiv" sei.
Viele erheben für sich diesen Objektivitätsanspruch - und sind dann wütend, wenn andere ihre Objektivität in Zweifel ziehen. Jedoch ist logisch einsehbar, daß ein Beweis für Objektivität nicht automatisch aus der Tatsache gewonnen werden, daß ein Wissenschaftler eine Aussage macht oder ein Forschungsergebnis verkündet.
Die andere Seite, die mir aufgefallen ist, ist diese Wut (!), diese Emotionalität, mit der dieser Objektivitätsanspruch verteidigt wird. Oder hat das damit zu tun, daß sie in ihrem Innersten wissen, wie es mit ihrem Anspruch bestellt ist?
Nein, die Sache mit der Objektivität der Wissenschaft muß aus ganz anderer Richtung betrachtet werden:
Jeder Wissenschaftler ist verpflichtet, seine Arbeiten nach strengen, objektiven Maßstäben auszurichten und jeden subjektiven bzw. außerwissenschaftlichen Einfluß auf seine Ergebnisse auszuschalten.
Objektivität ist kein Automatismus, sondern eine Forderung an die Wissenschaft. Mit anderen Worten: ehe man eine Arbeit, ein Meßergebnis, eine Theorie überhaupt in die Kategorie "Wissenschaft" einordnen kann, muß diese überprüft werden auf ihre Objektivität! |
Der Objektiväts-Anspruch ist vergleichbar mit folgendem Beispiel: Ein Mönch ist ein Mensch, der sich sexueller Vergnügungen mit anderen enthält. Die Tatsache, daß jemand ein Mönch ist, ist jedoch kein Beweis dafür. Andersherum wird es exakter: Ein Mönch ist ein Mensch, von dem gefordert wird, zölibatär zu leben. |
| objektiver Wissenschaftler |
Wann ist ein Wissenschaftler objektiv?
Es geht hierbei überhaupt nicht um solche "Wissenschaftler", die ihre Ergebnisse für Geld manipulieren. Das ist ein politisches bzw. moralisches Problem, kein wissenschaftliches. Es geht hier nur um die wissenschaftliche Fähigkeit zur Objektivität.
Die wichtigste Objektivitäts-Forderung an einen Wissenschaftler dürfte wohl sein, daß er fähig ist, Theorien und Wahrheiten, Meßergebnisse und wissenschaftliche Aussagen anderer Wissenschaftler auch dann anzuerkennen, wenn diese ihm nicht gefallen.
Umgekehrt gehört zu dieser Forderung natürlich, daß ein Wissenschaftler sich nicht von Aussagen, die ihm gefallen, blenden läßt und sie ggf. weniger sorgfältig prüft als unangenehme Aussagen.
Was soll man nun von Menschen halten, die andere Wissenschaftler anfeinden, nur weil ihnen deren Erkenntnisse nicht gefallen? Im eigentlichen Sinne sind sie doch dann nicht mehr als Wissenschaftler zu bezeichnen, oder? |
"Wenn euch ein Ergebnis besonders gut gefällt, dann müß ihr es mit besonders großem Mißtrauen bedenken." war ein Ratschlag von einem meiner Professoren an der TU Dresden, Prof. Knöner. Er meinte, wenn wir selbst nicht sehr sorgfältig prüfen, ob uns ein Fehler unterlaufen sein könnte, dann tun es andere. Und wenn die einen Fehler finden, dann kann das für uns selbst äußerst peinlich werden. |
| Vorläufigkeit jeder Theorie |
Eine weitere Forderung ist auch, alle Erkenntnisse anderer, auch die von Autoritäten, immer noch einmal selbst zu überprüfen, ob sie "richtig" sind. Auch Autoritäten können irren ode Fehler machen. Deshalb ist die ungeprüfte Übernahme von Fremdwissen immer der Einstieg in Unwissenschaftlichkeit: Hier wird aus Wissenschaft eine Religion, ein Glaube: ein Glaube an die Unfehlbarkeit eines anderen Wissenschaftlers - schlimmer als der Glaube an die Unfehlbarkeit des Papstes!
Alle wissenschaftliche Erkenntnis ist immer und unter allen Umständen als "vorläufig" anzusehen: egal, ob es z. B. Einsteins Relativitätstheorien oder die Urknall-Hypothese betrifft, man kann nie wissen, ob es einmal bessere, kompatiblere, einfachere, logischere, verständlichere Theorien geben wird.
Wissenschaftlicher Erkenntnisoptimismus verlangt immer, alle bisherigen Erkenntnisse in Frage stellen zu können.
Ohne dieses "In-Frage-Stellen" als wissenschaftliches Grundprinzip ist Erkenntnisfortschritt nicht zu haben!
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Streng wissenschaftlich kann man bei der Urknall-These wirklich nicht von einer "Theorie" sprechen, da zu iher Bestätigung mindestens zwei beobachtete Ereignisse beitragen müßten.
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Objektivität ist ...
Ein Gegenvorschlag: Wissenschaftliche Aussagen müssen "allseitig und umfassend" sein. |
... also erst einmal zu definieren: wenn schon darüber, was sie ist, unterschiedliche subjektive Auffassungen herrschen, wird es schwierig, auch noch wissenschaftlich "beweisen" zu wollen, was nun objektiv ist und was nicht.
Übrigens gibt es statt dieses Begriffes einen wesentlich besseren, wissenschaftlicheren:
Eine Betrachtung eines physikalischen Phänomens ist dann sozusagen "von allein" objektiv, wenn sie "allseitig" und "umfassend" ist.
An die Stelle des alten, im Grunde jedoch nichtssagenden Ausrufes "Wissenschaft ist objektiv!" sollte daher die Frage treten:
"Habe ich bei meiner Erkenntnissuche auch nichts außer acht gelassen? Habe ich alle möglichen Sichtweisen berücksichtigt, alle möglichen Interpretationen auf ihre Brauchbarkeit überprüft, ist dem, was ich aussage, nach bestem Wissen und Gewissen nichts mehr hinzufügbar?" |
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| Objektivitäts-Kriterien |
Die Geschichte der Wissenschaft ist voll von Beispielen, wie neue und später anerkannte Erkenntnisse und Theorien in der Zeit ihrer Entstehung ignoriert, verachtet oder bekämpft wurden - wohlgemerkt, das geschah von anderen Wissenschaftlern!
Offenbar hat es die Wissenschaft bis heute noch nicht geschafft, ein Auswahlverfahren zu finden, wie sie neue Erkenntnisse, die mit den alten nicht kompatibel sein müssen, auf ihre Brauchbarkeit und Zukunftsfähigkeit überprüft.
Man kann es auch so nennen:
Die Fähigkeit zur Objektivität ist eine sich historisch entwickelnde. Immer wieder muß die Wissenschaft sich selbst dahingehend überprüfen, was sie tun kann, ihre Objektivität zu sichern und zu vervollkommnen. Es muß also Objektivitätskriterien geben, die nicht an das subjektive Wissen Einzelner, nicht an Autoritätsmeinungen führender Wissenschaftler und schon gar nicht an den geistigen Mainstream gebunden sind.
Doch das scheint ein Problem zu sein, das auch heutige Wissenschaft noch nicht gelöst hat. |
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