| 3. Prof. Vinnai und die Psychologie des Lernens und Lehrens |
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| Zitat aus der Einleitung von Vinnais Buch |
„Mein Wunsch ist, daß mein Buch helfen möge, den einschüchternden Anspruch der etablierten Wissenschaft als weitgehend hohl zu durchschauen. Dadurch könnte es unkonventionellem, offenem Denken Mut machen. Es möchte gegen das einschüchternde Diktat wissenschaftlicher Rituale eine theoretisch fundierte »sekundäre Naivität« aufrichten helfen, die dabei hilft, deren Bann zu brechen und ins Freiere zu denken.” |
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| Denkstrukturen an Universitäten |
Die Erkenntnisse von Prof. Vinnai geben einen guten Einblick in den heutigen Universitätsbetrieb und die in ihm herrschenden Denkstrukturen. Seine Erkenntnisse hat er zwar vorwiegend in der Wissenschaftsdisziplin Psychologie gewonnen, ich gehe davon aus, daß die von ihm geschilderten Denkstrukturen und Denkblockaden auch in anderen Wissenschaftsdisziplinen mehr oder weniger ausgeprägt, mehr oder weniger sichtbar vorhanden sind.
In seinem 200seitigen Buch geht er sehr ausführlich und tiefgründig auf die psychischen Aspekte der Lern- und Lehrprozesse an Universitäten ein. Philosophische, psychologische und historische Aspekte des Lernens und Lehrens werden anschaulich erläutert. |
Ich gebe keine Übersicht des Buches von Vinnai, ich greife nur einige mir wichtig erscheinende Gedanken heraus, ergänze oder kürze nach meinen Zielen. Natürlich werde ich die Aussagen von Prof. Vinnai nicht sinnentstellend wiedergeben! |
| Psychologie des wiss. Denkens |
Mir geht es NICHT (das möchte ich ausdrücklich betonen) um den kritischen Aspekt in Vinnais Ausführungen, mir geht es um den tieferen Einblick in die Mechanismen und Grenzen wissenschaftlichen Denkens aus psychologischer Sicht, den Vinnai in seinem Buch liefert. Dabei widmet er sich auch der „Geschlechterdifferenz” in der Wissenschaft bzw. deren Leugnung.
Ich versuche, nur solche Gedanken von Vinnai aufzugreifen, die (auch) für den naturwissenschaftlichen Bereich von Bedeutung sind. |
Diese Texte sind also keine mehr oder weniger kommentierte Inhaltsangabe. |
| Die Einengung der Sprache durch wissen-schaftliche Vorgaben |
Schon die sprachliche Schulung läuft auf eine Einengung sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten hinaus, der Sprache wird ihr lebendiger, vielschichtiger, mehrdeutiger, fließender Charakter genommen, indem sie in starren Begriffen, Definitionen und Formen, in starren Regeln angewandt wird. Das ist - auch in der Psychologie - das Ergebnis einer formalen Anwendung eines naturwissenschaftlichen Wissenschaftsideals, das Wiederholbarkeit (experimentelle Methode), Unabhängigkeit vom Subjekt (und damit von subjektiven Wahrnehmungen, von der Sinnlichkeit, der Individualität jedes Erkenntnisprozesses usw.), Eindeutigkeit, Exaktheit fordert.
Die Sprache als Mittel des Dialogs wird zum Herrschaftsinstrument, mit dessen Hilfe Autoritäten ihre Wahrheiten verkünden, die abgefragt (geprüft) werden, nicht jedoch im Dialog (Meinungsstreit, Dialog, dialektische Methode), wie es noch in Platons Akademie und im neuzeitlichen, wesentlich auf W. v. Humboldt zurückgehenden Universitätsideal vorgesehen war.
Mit der Umfunktionierung der Universitäten und der Studenten zu Lernmaschinen verschwindet der geistige Spielraum:
- das gelernte Wissen zu erarbeiten und zu verstehen, anstatt es einfach auswendig herzubeten,
- die bisherigen Erkenntnisse zu hinterfragen, in Frage zu stellen, weiterzudenken, selbständig zu denken
In Folge davon wird „kritisches” Denken im Universitätsbetrieb nicht gelehrt, nicht gefordert, nicht trainiert.
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| Wissenschaft als eine Seite der Erkenntnis |
Eher indirekt beim Lesen seines Buches als daß er es direkt ausspricht, wird an dem von ihm gewählten Beispiel der formalen Anwendung der naturwissenschaftlichen Methode auf die Psychologie deutlich, wie wenig diese Methode geeignet ist, umfassende Erkenntnis über die Wirklichkeit zu erlangen.
Wissenschaft ist also gut beraten, sich immer mit den anderen Erkenntnismethoden (auf die noch eingegangen wird) rückzukoppeln, zu vergleichen, sich von ihnen anregen zu lassen... |
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| Die Orientierung des Lehrfaches Psychologie am naturwissenschaftlichen Erkenntnisideal |
Diesen Aspekt mag mancher Physiker für positiv halten, doch gerade er zeigt, welche negativen Folgen eine dogmatische Übernahme dieses Erkenntnisideals in andere - nichtnaturwissenschaftliche - Disziplinen hat.
Der Absolutheitsanspruch dieses Erkenntnisideals wird hier für die Psychologie hinterfragt. Er sollte auch für die Naturwissenschaften selbst einer ständigen Überprüfung unterzogen werden. |
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| Das vergessene humanistische Universitäts-Ideal |
Universitäten (das Wort stammt von "universal" = allseitig) waren als Orte gedacht, in denen höchste Allgemeinbildung (siehe die sieben freien Künste) gelehrt und erworben werden konnte.
Dieses Ideal (stark verbunden mit dem Namen Wilhelm v. Humboldt) will die Uni „zu einem Ort machen, an dem der freie, öffentliche Austausch von Wissen die Entwicklung des theoretischen Denkens und die Bildung der Hochschulangehörigen fördert” - die Uni sollte weniger ein Forschungs- und Lernbetrieb sein als „eine freie Vereinigung diskutierender Individuen”. |
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| Wissenschaft als organisierte Realitäts-Blindheit? |
"Die geltenden Regeln universitärer Wissensproduktion legen fest, was in der Wissenschaft tabuisiert wird und was diskutiert werden soll, wie sich Wissenschaftssprache und Alltagssprache zueinander verhalten, ob und wie Frauen in traditionellen Männerdomänen zu Wort kommen oder auf welche Art eine in der Wissenschaft auch organisierte Realitätsblindheit zum Ausdruck kommt." |
Zitat S. 19 |
| Vinnais These:
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"Methodische Regeln aus dem Bereich der Naturwissenschaften gelten, weil sie Beziehungen und Verhältnissen entsprechend konstruiert sind, denen Menschen in einer kapitalistisch geprägten oder »real-sozialistischen« Gesellschaft gehorchen müssen. Die naturwissenschaftlichen Methoden sind, ohne daß die, die sie anwenden, das wahrnehmen, den politischen und ökonomischen Machtstrukturen in bestehenden Industriegesellschaften verwandt." |
(S. 50) |
| Beispiel für eine psychische Analyse des perfekten Wissenschaftlers: |
"Der Zwangsneurotiker ist also von der Angst vor dem Konflikt mit der übermächtig erscheinenden Autorität des Vaters geprägt. Wo dieser vermieden wird, muß die blinde Unterwerfung unter sein übermächtig erscheinendes Gesetz erfolgen. Die Angst vor der kontrollierenden äußerlichen patriarchalischen Macht, die als Angst vor einem überstrengen Über-Ich verinnerlicht wird, verlangt die Abwehr von lebendigem Begehren mit Hilfe des Zwangs, sich und die Realität ständig unter Kontrolle zu halten. Da diese Triebkontrolle besonders durch die Verführungen bedroht ist, die vom anderen Geschlecht ausgehen, lebt der männliche Zwangscharakter
von der unbewußten Abwehr der Geschlechterdifferenz, von der Abwehr der bedrohlichen Sinnlichkeit der Frau. Die Fixierung an die väterliche Macht läßt ihn zu einer heimlichen Homosexualität mit einem Zwang zur falschen Gleichmacherei Zuflucht nehmen. Er muß eine Heterosexualität vermeiden, die von der Beachtung der Differenz und der Besonderheit lebt.
Die Kontrollwut des Zwangscharakters und bewußte oder unbewußte Ängste gehören zusammen." |
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| Denken lernen heißt ... |
"Wirklich denken lernen heißt zu lernen, mit Hilfe von erworbenem theoretischem Wissen intellektuelle Gebilde phantasievoll und lebendig zu erzeugen, die der Realität angemessen sind." |
S. 93 |
| Geschlechtsdifferenz wissenschaftlich fundiert abgeschafft |
"Die »allgemeine Psychologie« schafft die Realität von Klassengesellschaften begrifflich ab, sie dient damit der Verschleierung ihrer Existenz. Die feministisch inspirierte Frauenforschung hat aufgezeigt, daß es grundlegende Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, daß die
Menschen niemals dahinter zurückgehen können, daß sie geschlechtliche Wesen sind. Für Freud ist Erwachsenheit daran gebunden, daß man akzeptieren kann, daß die Geschlechterdifferenz alle psychischen Äußerungen durchdringt. Mit der »allgemeinen Psychologie« als Grundlagenfach, das die Geschlechterdifferenzen nicht zur Kenntnis nimmt, ist man dieser für den männlichen Wissenschaftsbetrieb bedrohlichen Einsicht entronnen." |
S. 113 / 114 |
| Abstraktion des Menschen ... |
... von seiner Geschlechtlichkeit:
In diesem Thema bringt Vinnai das Problem auf den Punkt: die Anerkennung der Geschlechterdifferenz wäre ein Eingeständnis der subjektiven Besonderheiten des Erkenntnisprozesses. *
"Für die
dominierende Richtung der akademischen Psychologie, die sich am naturwissenschaftlichen Erkenntnisideal orientiert, erscheint die Geschlechterdifferenz typischerweise als etwas Unwesentliches, den Wissenschaftsbetrieb eher Störendes. Ihre Art zu denken sperrt sich einer produktiven Verbindung mit der Geschlechterdifferenz auch, wo deren Bedeutsamkeit von einzelnen Individuen, außerhalb ihrer Rolle als Wissenschaftler, akzeptiert werden mag. Die Geschlechterdifferenz, ebenso wie andere Differenzen, an die die subjektive Besonderheit von Menschen gebunden ist, werden für diese Wissenschaft tendenziell zum Störfaktor."
* Ich ergänze:
Welche Gefahren Männer darin sehen, ist augenscheinlich: Wenn sie das weiblich-anderen Erkennen als auch in der Wissenschaft gleichberechtigt und legitim anerkennen (und nicht leugnen), dann muß es - das "Fremde" zuerst als Bedrohung erscheinen.
Doch mir geht es darum, diese Angst der Männer vor dem Wissen der Frauen überwinden zu helfen. Ich wünsche mir, daß Männer sehen, wie sehr unser weibliches Erkennen ihnen helfen kann, selbst weiter zu kommen - auch in der Physik. |
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Thema:
Die Leugnung der Differenz
in der Wissenschaft
ab S. 164
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Bei dieser Auswahl einzelner Gedanken will ich es vorerst belassen. Später werde ich an anderen Stellen der Erkenntnistheorie noch auf einzelne seiner Gedanken eingehen. |
siehe auch in den Fremdtexten > Vinnai |