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08. 03. 2008
Grundfragen der Physik,
neu gestellt und beantwortet von einer Frau
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Psychologie
 
 
Zur Psychologie des Erkennens
Eine Analyse des Denkens von Wissenschaftlern heute

Erkennen ist ein psychologisches Phänomen.  Es ist an das erkennende Subjekt in seiner ganzen Einzigartigkeit, an dessen Möglichkeiten und vor allem an dessen Grenzen gebunden. Erkennen ist immer eine individuelle, ganz und gar subjektive Form der Wechselwirkung mit der Umwelt: jeder Mensch hat seinen eigenen Erkenntnis- und Lernweg, seine eigenen Erinnerungen, Erfahrungen, sein eigenes Wissen und seine eigene Meinung darüber: Jeder Mensch hat sein eigenes "Weltbild".
Wissenschaft sucht die über diese subjektiven Elemente hinausgehenden gemeinsamen Erkenntnisinhalte zu erfassen. Diese "Objektivitätsanspruch" der Wissenschaft führt oft dazu, daß  er mit der Ausschaltung der subjektiven  Besonderheiten des Erkenntnisprozesses gleichgesetzt wird.  
Auf dieser Seite versuche ich, diesen Objektivitätanspruch  aus psychologischer Sicht zu hinterfragen, indem ich  beispielhaft einzelne ausgewählte Fragen der Psychologie des Erkennens untersuche - den Einfluß der sinnlichen Wahrnehmung beispielsweise. In einem Einstieg betrachte ich die Beziehung zwischen Fremd- und Eigenwissen, die in engem Zusammenhang zu Punkt 3 zu sehen ist.

Dort beziehe ich interessante und nachdenkenswerte Gedanken aus dem Buch von
    Professor Gerhard Vinnai
    Die Austreibung der Kritik aus der Wissenschaft
    - Psychologie im Universitätsbetrieb -

mit ein. Sein Buch kann von seiner Website kostenlos heruntergeladen werden
(siehe Quellen » Vinnai )

Vinnai stellt dem Wissenschafts-, Universitäts- und Bildungsideal die Realität gegenüber - als Aufforderung, die Wissenschaft weiter zu entwickeln, nicht als vernichtende Kritik.  Er zeigt auf, was geändert werden muß, damit die Wissenschaft diesem Ideal wieder entsprechen kann. Für mich waren natürlich seine Ausführungen über die Leugnung der Geschlechterdifferenz von besonderem Interesse.

Die folgenden Gedanken stelle ich zur Diskussion. 

Das meint: Sollte ich mich bei irgendeiner Aussage irren, freue ich mich über Korrekturen und Ergänzungen.
  1. Fremdwissen und Eigenwissen
  2. Erkennen und sinnliche Wahrnehmung
3. Prof. Vinnai und die Psychologie des Lehrens und Lernens
1. Fremdwissen und Eigenwissen  
Fremdwissen - lernen
Fremdwissen meint auswendig gelerntes, oft nicht (richtig) verstandenes Wissen bzw. Wissen, das man sich gezwungenermaßen aneignet, ohne es wirklich zu wollen.
Ein Beispiel: Ein Atheist kann vielleicht im Wissen um Bibel, Religionsgeschichte usw. einem Christen sogar überlegen sein, damit  ist nicht sichergestellt, daß er anfängt, an Gott zu glauben.
Genauso kann man für eine Prüfung gefordertes Wissen lernen - um es dann schnell wieder zu vergessen, weil man es gar nicht wissen will.
Eine bestimmte Art des Fremdwissens erkennt man daran, daß es einem unangenehm ist, es lernen zu müssen: Neugier und Wissensdurst fehlern, man quält sich mit dem Lehrstoff herum und hat größte Mühe, ihn sich einzuprägen.

Es gibt andererseits zahlreiche Menschen, denen es ein ausgesprochenes Vergnügen ist, Fremdwissen massenhaft in sich reinzustopfen und dann damit angeben zu können, wie "schlau" sie sind, was sie alles wissen.
 
Eigenwissen - erkennen und verstehen
Bei diesem Wissen handelt es sich um den Teil des Wissens, den ich verstanden habe, "verinnerlicht" habe, der "mein" Wissen geworden ist.
Bei dieser Art Wissen verschmelze ich mit den Gedanken des Menschen, von dem ich diese Erkenntnisse übernommen habe. Seine Gedanken werden meine Gedanken. Diese Art der Gemeinschaft zu erleben, gehört nach meiner Erfahrung zu den höchstmöglichen Glücksgefühlen des Menschen.
Noch besser ist es natürlich, wenn ich Wissen aktiv, durch "Selbst-Denken" erwerben kann, einfach, indem ich über ein Problem nachdenke.
 
gute und schlechte Lehrer
Am Anfang benötigt jeder Mensch Lehrer, die ihm erstes Wissen anbieten.  Auch das Lernen will gelernt sein. 

Der schlechte Lehrer gibt sich zufrieden, wenn der Schüler das geforderte (!) Wissen möglichst fehlerfrei und umfassend reproduzieren kann. Es ist ihm egal, ob der Schüler es verstanden hat oder nicht.

Der gute Lehrer will vor allem eines erreichen: die Neugier des Schülers auf Wissen (Wißbegier) entwickeln und ihn befähigen, sich selbständig Wissen aneignen zu können.
 
Autodidakt
Mit der Zeit lernt man, auszuwählen, welches Wissen interessant und wichtig ist. Manche lernen auch zu unterscheiden, welches angebotene Fremdwissen richtig und welches dümmlich, unnötig oder sogar falsch ist.

Welches Wissen ich für meine geistige Entwicklung benötige, das muß ich selbst erkennen. Erst mit dieser Etappe beginnt die eigentliche geistige Freiheit und Selbständigkeit des Menschen.
 
Mensch, erkenne dich selbst!
Meine Erfahrung ist, daß das autodidaktische Lernen die effektivste Form des Lernens und Verstehens ist.
Dabei lerne ich auch zu verstehen, wie ich Wissen erwerbe. Ich lerne, mich selbst in meiner Fähigkeit zu lernen  zu beobachten und kann so besser Einfluß auf meine Lernfähigkeit nehmen.
Diese Art des Lernens führt also von allein zum wichtigsten Erkenntnisideal hin, dem "Mensch, erkenne dich selbst!"
 
2. Erkennen und sinnliche Wahrnehmung  
 
Die folgende Frage ist mit dem „Objektivitäts-Dekret” der modernen Naturwissenschaft eher verdrängt als beantwortet:
Welche Wechselwirkungen gibt es zwischen der Art und Weise des Erkennens allgemein und dem Inhalt der Erkenntnis?
Zur Veranschaulichung dieser Frage will ich nur einige Beispiele nennen:
 
sehen
Ein Mensch, der die Farben rot und grün nicht unterscheiden kann, nimmt die Welt anders wahr als ein anderer, der diesen Unterschied erkennt.

Wir Menschen nehmen i. a. genau den Frequenzbereich elektromagnetischer Wellen wahr und unterscheiden die Nuancen dieser Wellenlängen so genau, daß wir die Oberflächenstruktur von Körpern äußerst differenziert erkennen können.

 Für den Alltag wären wohl "Röntgenaugen" nicht so vorteilhaft.
In den Weiten des Internet fand ich übrigens, daß Menschen, die "rot-grün" nicht unterscheiden können, statt dessen noch 12 Brauntöne unterscheiden, die der "Normalsichtige" nur als einen Braunton wahrnimmt.
Begriffs-Bildung
Jemand, der "nicht  weiß”, was er sieht, sagt zu allen Gegenständen „Ding”. Ein Eskimo kann die Nuancen des Schnees so genau unterscheiden, daß er für das, was wir „Schnee” nennen, an die 30 völlig verschiedene Begriffe hat.   Die Prägung durch die Alltagssprache (Begriffsvorgaben und Denkgewohnheiten) ist also ebenfalls ein Kriterium für die verschiedenen Grade der Erkenntnis.

Ein weiterer Aspekt ist  zu beachten:
Das gleiche Wort löst bei den einzelnen Menschen unterschiedliche Bilder bzw. Vorstellungen aus. In der „Struktur der Materie” wird das anhand des Atom-Begriffs sehr schön deutlich:
Es ist ein Unterschied, ob ich mir unter einem Atom ein „Teilchen” oder ein „Kraftzentrum” vorstelle. In der Teilchenvorstellung „löst sich die Materie auf”, wenn sich zeigt, daß der Teilchenbegriff unzureichend ist. (Heisenberg, Dürr usw.)
siehe Struktur und Folgeseiten
sinnliche Wahr-nehmung und Physik
Noch eigenartigere Vermutungen drängen sich auf, wenn man bedenkt, daß es viele Menschen gibt, bei denen die eine oder andere Sinneswahrnehmung eingeschränkt oder nicht vorhanden ist: der Gehörlose könnten behaupten, daß alle die, die kleine Kästchen haben, die sie "Radio" nennen, „spinnen”, wenn sie behaupten, dort würde etwas für sie wahrnehmbares herauskommen. Andersherum kann man vermuten, daß es mehr Sinneswahrnehmungen geben könnte, als wir im Alltag benutzen, und daß diese physikalisch noch nicht verwertet sind.

Bisher wurden beispielsweise diese sinnlichen Wahrnehmungen physikalisch ausgewertet:
- der Tastsinn, der Gleichgewichtssinn, die Erfahrung von Krafteinwirkungen auf den eigenen und auf andere Körper und Bewegung des eigenen Körpers für mechanische Erkenntnis
- die Wahrnehmungen der Augen für die Optik, einschließlich der Möglichkeit der Erweiterung der Erkenntnis über elektromagnetische Wellen weit über den mit den Augen wahrnehmbaren Frequenzbereich hinaus
- die Wahrnehmungen der Ohren für akustische Phänomene.

Doch niemand kann mit Bestimmtheit ausschließen, daß die physische Realität nicht noch weitere Eigenschaften hat, die jedoch den Sinnen der meisten Menschen nicht zugänglich sind.

In diesem Sinne ist das Gerede von  sogenannten „übersinnlichen Wahrnehmungen”   nur eine Ablenkung von der Notwendigkeit, diese Phänomene auf ihre wissenschaftlich verwertbaren Erkenntnisse zu überprüfen. Selbst wenn das meiste Scharlatanier sein sollte, ist das kein Beweis, daß es nicht noch mehr sinnliche Wahrnehmungen geben könnte als bisher bekannt.

Ein weiteres Problem der Physik ist  ihre abwertende Haltung diesen sinnlichen Wahrnehmungen gegenüber. Dieser Prozeß setzte mit der modernen, abstrakten, stark mathematisierten Physik vor ca. 100 Jahren ein. Es ist sehr zum Schaden der Physik gewesen und ist es wohl bis heute noch, daß gerade die sich dem Nationalsozialismus besonders verbunden fühlenden Physiker diese Wieder-Hinwendung zur Natur und "Sinnlichkeit" forderten.  Hier tritt nun der Umkehreffekt ein: wer heute eine solche Forderung erhebt, muß  der - ähnlich wie ein Kritiker der Einsteinschen Lehren - damit rechnen, als Sympathisant der Nationalsozialisten zu gelten? 

Doch es gibt auch einen anderen Weg hin zu "mehr Sinnlichkeit  in der Physik", einen, der  politisch ungefährlich ist und der mir als Frau eher liegt. Zuvor sollte man jedoch einmal prüfen, woher diese Ablehnung überhaupt rührt - aus dem Wesen der Physik läßt sie sich eben nicht begründen.
 
Angst vor dem weiblich-sinnlichen?
Das "weiblich-sinnliche" gilt Männern oft als gefährlich, weil verführerisch und nicht beherrschbar. Vielleicht rührt die heutige Ablehnung aus diesen psychologischen Problemen, den mehr oder weniger unbewußten Ängsten von Männern? Dann  wäre die einseitige Hinwendung zur mathematisch-abstrakten Physik  nicht "objektiv",  nicht wissenschftlich begründbare Notwendigkeit, sondern nur "subjekive" Folge von Männerängsten vor Frauen. Will man also die Physik von ihrer Reduktion auf diese  einseitige mathematische Orientierung befreien, muß man auch "außerphysikalisch" diese Männer-Ängste überwinden helfen. Es lohnt sich, über diese Frage an anderem Ort noch etwas ausführlicher zu diskutieren. Ich bin gespannt auf Ihr Feedback.

Frauen sind - so wird zumindest behauptet - dem Sinnlichen stärker verbunden als dem Rationalen.  Eine Hinwendung zu "mehr Sinnlichkeit" in der Physik, zu mehr Beachtung sinnlich-subjektiver Wahrnehmungen wäre also auch eine Hinwendung zu mehr "Weiblichkeit" in der Physik.
 
männlich - weiblich
Wie weit männliches und weibliches  Denk- und Wahrnehmungsvermögen differenzieren, ist in letzter Zeit stärker untersucht worden.  Wenn bisher aber in der Physik einseitig männliches Wahrnehmungsvermögen "theoretisiert" wurde, besteht jetzt die Möglichkeit, die aus der Psychologie gewonnenen Erkenntnisse über weibliches Denk- und Wahrnehmungsvermögen bewußt als Bereicherung des vorhandenen Denkens und Wissens in die Theoriebildung der Physik einzubeziehen.
 
3. Prof. Vinnai und die Psychologie des Lernens und Lehrens
Zitat aus der Einleitung von Vinnais Buch
„Mein Wunsch ist, daß mein Buch helfen möge, den einschüchternden Anspruch der etablierten Wissenschaft als weitgehend hohl zu durchschauen. Dadurch könnte es unkonventionellem, offenem Denken Mut machen. Es möchte gegen das einschüchternde Diktat wissenschaftlicher Rituale eine theoretisch fundierte »sekundäre Naivität« aufrichten helfen, die dabei hilft, deren Bann zu brechen und ins Freiere zu denken.”
 
Denkstrukturen an Universitäten
Die Erkenntnisse von Prof. Vinnai geben einen guten Einblick in den heutigen Universitätsbetrieb und die in ihm herrschenden Denkstrukturen. Seine Erkenntnisse hat er zwar vorwiegend in der Wissenschaftsdisziplin Psychologie gewonnen, ich gehe davon aus, daß die von ihm geschilderten Denkstrukturen und Denkblockaden auch in anderen Wissenschaftsdisziplinen mehr oder weniger ausgeprägt, mehr oder weniger sichtbar vorhanden sind.
 In seinem 200seitigen Buch geht er sehr ausführlich und tiefgründig auf die psychischen Aspekte der Lern- und Lehrprozesse an Universitäten ein. Philosophische, psychologische und historische Aspekte des Lernens und Lehrens werden anschaulich erläutert.
Ich gebe keine Übersicht des Buches von Vinnai, ich greife nur einige mir wichtig erscheinende Gedanken heraus, ergänze oder kürze nach meinen Zielen. Natürlich werde ich die Aussagen von Prof. Vinnai nicht sinnentstellend wiedergeben!
Psychologie des wiss. Denkens
Mir geht es NICHT (das möchte ich ausdrücklich betonen) um den kritischen Aspekt in Vinnais Ausführungen, mir geht es um den tieferen Einblick in die Mechanismen und Grenzen wissenschaftlichen Denkens aus psychologischer Sicht, den Vinnai in seinem Buch liefert. Dabei widmet er sich auch der „Geschlechterdifferenz” in der Wissenschaft bzw. deren Leugnung.
Ich versuche, nur solche Gedanken von Vinnai aufzugreifen, die (auch) für den naturwissenschaftlichen Bereich von Bedeutung sind.
Diese Texte sind also keine mehr oder weniger kommentierte Inhaltsangabe.
Die Einengung der Sprache durch wissen-schaftliche Vorgaben
Schon die sprachliche Schulung läuft auf eine Einengung sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten hinaus, der Sprache wird ihr lebendiger, vielschichtiger, mehrdeutiger, fließender Charakter genommen, indem sie in starren Begriffen, Definitionen und Formen, in starren Regeln angewandt wird.  Das ist - auch in der Psychologie - das Ergebnis einer formalen Anwendung eines naturwissenschaftlichen Wissenschaftsideals, das Wiederholbarkeit (experimentelle Methode), Unabhängigkeit vom Subjekt (und damit von subjektiven Wahrnehmungen, von der Sinnlichkeit, der Individualität jedes Erkenntnisprozesses usw.), Eindeutigkeit, Exaktheit fordert.
Die Sprache als Mittel des Dialogs wird zum Herrschaftsinstrument, mit dessen Hilfe Autoritäten ihre Wahrheiten verkünden, die abgefragt (geprüft) werden, nicht jedoch im Dialog (Meinungsstreit, Dialog, dialektische Methode), wie es noch in Platons Akademie und im neuzeitlichen, wesentlich auf W. v. Humboldt zurückgehenden Universitätsideal vorgesehen war.
Mit der Umfunktionierung der Universitäten und der Studenten zu Lernmaschinen verschwindet der geistige Spielraum:
- das gelernte Wissen zu erarbeiten und zu verstehen, anstatt es einfach auswendig herzubeten,
- die bisherigen Erkenntnisse zu hinterfragen, in Frage zu stellen, weiterzudenken, selbständig zu denken
In Folge davon wird „kritisches” Denken im Universitätsbetrieb nicht gelehrt, nicht gefordert, nicht trainiert.
 
Wissenschaft als eine Seite der Erkenntnis
Eher indirekt beim Lesen seines Buches als daß er es direkt ausspricht, wird an dem von ihm gewählten Beispiel der formalen Anwendung der naturwissenschaftlichen Methode auf die Psychologie deutlich, wie wenig diese Methode geeignet ist, umfassende Erkenntnis über die Wirklichkeit zu erlangen.
    Wissenschaft ist also gut beraten, sich immer mit den anderen Erkenntnismethoden (auf die noch eingegangen wird) rückzukoppeln, zu vergleichen, sich von ihnen anregen zu lassen...
 
Die Orientierung des Lehrfaches Psychologie am naturwissenschaftlichen Erkenntnisideal
Diesen Aspekt mag mancher Physiker für positiv halten, doch gerade er zeigt, welche negativen Folgen eine dogmatische Übernahme dieses Erkenntnisideals in andere - nichtnaturwissenschaftliche - Disziplinen hat.
Der Absolutheitsanspruch dieses Erkenntnisideals wird hier für die Psychologie hinterfragt. Er sollte auch für die Naturwissenschaften selbst einer ständigen Überprüfung unterzogen werden.
 
Das vergessene humanistische Universitäts-Ideal
Universitäten (das Wort stammt von "universal"  = allseitig) waren als Orte gedacht, in denen höchste Allgemeinbildung (siehe die sieben freien Künste) gelehrt und erworben werden konnte.
Dieses Ideal (stark verbunden mit dem Namen Wilhelm v. Humboldt) will die Uni „zu einem Ort machen, an dem der freie, öffentliche Austausch von Wissen die Entwicklung des theoretischen Denkens und die Bildung der Hochschulangehörigen fördert” - die Uni sollte weniger ein Forschungs- und Lernbetrieb sein als „eine freie Vereinigung diskutierender Individuen”.
 
Wissenschaft als organisierte Realitäts-Blindheit?
"Die geltenden Regeln universitärer Wissensproduktion legen fest, was in der Wissenschaft tabuisiert wird und was diskutiert werden soll, wie sich Wissenschaftssprache und Alltagssprache zueinander verhalten, ob und wie Frauen in traditionellen Männerdomänen zu Wort kommen oder auf welche Art eine in der Wissenschaft auch organisierte Realitätsblindheit zum Ausdruck kommt."
Zitat S. 19
Vinnais These:
"Methodische Regeln aus dem Bereich der Naturwissenschaften gelten, weil sie Beziehungen und Verhältnissen entsprechend konstruiert sind, denen Menschen in einer kapitalistisch geprägten oder »real-sozialistischen« Gesellschaft gehorchen müssen. Die naturwissenschaftlichen Methoden sind, ohne daß die, die sie anwenden, das wahrnehmen, den politischen und ökonomischen Machtstrukturen in bestehenden Industriegesellschaften verwandt."
(S. 50)
Beispiel für eine psychische Analyse des perfekten Wissenschaftlers:
"Der Zwangsneurotiker ist also von der Angst vor dem Konflikt mit der übermächtig erscheinenden Autorität des Vaters geprägt. Wo dieser vermieden wird, muß die blinde Unterwerfung unter sein übermächtig erscheinendes Gesetz erfolgen. Die Angst vor der kontrollierenden äußerlichen patriarchalischen Macht, die als Angst vor einem überstrengen Über-Ich verinnerlicht wird, verlangt die Abwehr von lebendigem Begehren mit Hilfe des Zwangs, sich und die Realität ständig unter Kontrolle zu halten. Da diese Triebkontrolle besonders durch die Verführungen bedroht ist, die vom anderen Geschlecht ausgehen, lebt der männliche Zwangscharakter von der unbewußten Abwehr der Geschlechterdifferenz, von der Abwehr der bedrohlichen Sinnlichkeit der Frau. Die Fixierung an die väterliche Macht läßt ihn zu einer heimlichen Homosexualität mit einem Zwang zur falschen Gleichmacherei Zuflucht nehmen. Er muß eine Heterosexualität vermeiden, die von der Beachtung der Differenz und der Besonderheit lebt.
Die Kontrollwut des Zwangscharakters und bewußte oder unbewußte Ängste gehören zusammen."
 
Denken lernen heißt ...
"Wirklich denken lernen heißt zu lernen, mit Hilfe von erworbenem theoretischem Wissen intellektuelle Gebilde phantasievoll und lebendig zu erzeugen, die der Realität angemessen sind."
S. 93
Geschlechtsdifferenz wissenschaftlich fundiert abgeschafft
"Die »allgemeine Psychologie« schafft die Realität von Klassengesellschaften begrifflich ab, sie dient damit der Verschleierung ihrer Existenz. Die feministisch inspirierte Frauenforschung hat aufgezeigt, daß es grundlegende Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, daß die Menschen niemals dahinter zurückgehen können, daß sie geschlechtliche Wesen sind. Für Freud ist Erwachsenheit daran gebunden, daß man akzeptieren kann, daß die Geschlechterdifferenz alle psychischen Äußerungen durchdringt. Mit der »allgemeinen Psychologie« als Grundlagenfach, das die Geschlechterdifferenzen nicht zur Kenntnis nimmt, ist man dieser für den männlichen Wissenschaftsbetrieb bedrohlichen Einsicht entronnen."
S. 113 / 114
Abstraktion des Menschen ...
... von seiner Geschlechtlichkeit:
In diesem Thema bringt Vinnai das Problem auf den Punkt: die Anerkennung der Geschlechterdifferenz wäre ein Eingeständnis der subjektiven Besonderheiten des Erkenntnisprozesses. *

"Für die dominierende Richtung der akademischen Psychologie, die sich am naturwissenschaftlichen Erkenntnisideal orientiert, erscheint die Geschlechterdifferenz typischerweise als etwas Unwesentliches, den Wissenschaftsbetrieb eher Störendes. Ihre Art zu denken sperrt sich einer produktiven Verbindung mit der Geschlechterdifferenz auch, wo deren Bedeutsamkeit von einzelnen Individuen, außerhalb ihrer Rolle als Wissenschaftler, akzeptiert werden mag. Die Geschlechterdifferenz, ebenso wie andere Differenzen, an die die subjektive Besonderheit von Menschen gebunden ist, werden für diese Wissenschaft tendenziell zum Störfaktor."

* Ich ergänze:
Welche Gefahren Männer darin sehen, ist augenscheinlich: Wenn sie das weiblich-anderen Erkennen als auch in der Wissenschaft gleichberechtigt und legitim anerkennen (und nicht leugnen),  dann muß es - das "Fremde" zuerst als Bedrohung erscheinen.

Doch mir geht es darum, diese Angst der Männer vor dem Wissen der Frauen überwinden zu helfen. Ich wünsche mir, daß Männer sehen, wie sehr unser weibliches Erkennen ihnen helfen kann, selbst weiter zu kommen - auch in der Physik.
Thema:
Die Leugnung der Differenz
in der Wissenschaft
ab S. 164

 
Bei dieser Auswahl einzelner Gedanken  will ich es vorerst belassen. Später werde ich an anderen Stellen der Erkenntnistheorie noch auf einzelne seiner Gedanken eingehen.
siehe auch in den Fremdtexten >  Vinnai
Eine "weibliche" Physik /Wissensch.-Th./Erk.-Th./ Psychol.