| 2. Substantive und Verben, allgemein |
|
|
| Am Anfang war das Wort? |
"Am Anfang war das Wort." ist biblische Botschaft.
Goethe macht daraus:
"Am Anfang war die Tat."
Verbindet man beides, erhält man:
"Am Anfang war das Verb."
Das Verb beschreibt die Tat, reflektiert das (eigene) Tun und macht es so rational "begreifbar", erkennbar. |
Am Rande bemerkt - auch hier wirkt wieder einmal die "Weltformel" (zwei zu eins machen): aus zwei Auffassungen wurde eine. |
| erste Beispiele |
Verben, sogenannte "Tätigkeitswörter" beschreiben im weitesten Sinne, daß alles, was existiert, agiert, sich in der Zeit verändert. Die unterschiedlichen Worte bezeichnen die unterschiedlichen Erscheinungen dieses Agierens, dieses Veränderns: z. B. bewegen, handeln, arbeiten, spielen, singen, laufen, fahren, strahlen, stoßen, schieben, ziehen, heben.
Substantive, sogenannte "Dingwörter" beschreiben im eigentlichen Sinne das, was stabil bleibt in der Zeit, was "erhalten" bleibt. Sie beschreiben "substantielles", etwas, dem eine "Substanz" zugrundeliegt, gegenständliches: der Tisch, die Erde, der Mensch, das Auto, der Wasserstrahl, der Wind, der Stoß bzw. Impuls, der Zug, der Sog, der Druck.
Auch die Liebe und die Bewegung bzw. die Geschwindigkeit sind Worte, die als Substantive bzw. "Dingwörter" angesehen werden, obwohl ihnen nicht mehr so direkt eine Substanz bzw. etwas substantielles zugeordnet werden kann .
Doch die Schwierigkeit hat bereits früher begonnen - bzw. anders ausgedrückt: es wurde schon zuvor schwierig. Was unterscheidet den Druck von der Tätigkeit drücken, den Zug von der Tätigkeit ziehen, den Stoß vom stoßen, die Bewegung von der Tätigkeit "sich bewegen"? |
|
| |
Was führt dazu, daß eine Tätigkeit zum Substantiv, zum "Ding" gemacht wird? Welche Auswirkungen auf mein Erkennen hat es, wenn ich aus Tätigkeiten beschreibende Wörter Substantive mache?
Ich erkenne - mein Erkennen: das ist ein solches Beispiel für diesen Erscheinung. Das Erkennen existiert nicht "wirklich" als Subjekt, Ding oder Gegenstand. Es ist in diesem Sinne nicht an eine Substanz, sondern an eine Tätigkeit gebunden.
Nach allem, was ich über diese Fragen weiß, gehe ich davon aus, die Ursache (Ur-Sache - auch ein "Ding"?) dieser Erscheinung der Substantivierung von Tätigkeiten in dem Wunsch zu sehen, etwas "begreifen" zu können, etwas "faßlich", anfaßbar zu machen, um es besser erkennen zu können.
Die Substantivierung war also ein wichtiger erkenntnistheoretischer Forschritt in der Menschheitsgeschichte überhaupt.
Die Kehrseite der Medaille ist, daß inzwischen diese Substantivierung nur noch abstrakt gesehen wird, nicht mehr darüber nachgedacht wird, in der Schule nur eine kurze Erwähnung stattfindet, die nicht ausreicht, alle Konsequenzen, die sich daraus ergeben, zu begreifen.
Selbst der Begriff "Begriff" wird kaum noch an seine Tätigkeit, etwas zu "begreifen" gekoppelt. Ein Wort wird erst zum Begriff, wenn ich verstehe, was es bedeutet. Wenn ich ein Wort nicht verstehe, es trotzdem gebrauche, rede ich nicht in dem Sinne, daß ich meine Gedanken und Erkenntnisse ausdrücke, sondern gebe leere "Worthülsen" von mir. Selbst wenn ich bestimmte Worte und Begriff verstanden habe, kann ich sie nicht ohne weiteres anwenden in Rede und Schrift. Ich muß mich immer versichern, ob der Angesprochene meine Worte auch verstehen kann. Ansonsten ist meine Rede sinnlos.
In der Wissenschaftssprache hat es sich eingebürgert, für die meisten Menschen möglichst unverständliche Worte zu verwenden: je komplizierter und unverständlicher jemand schreibt oder redet, für um so intelligenter wird er angesehen.
|
|
| Die "männliche" Sprache liebt Substantive, die "weibliche" Sprache liebt Verben. |
In der deutschen Sprache ist dieser Trend zur "Substantivierung" in letzter Zeit weiter ausgeprägt worden - mit den noch aufzuzeigenden verheerenen Folgen.
Irgendwo fand ich einmal die Bemerkung, daß die Substantivierung von Verben ein typisches Kennzeichen einseitig-männlicher Sprache sei. Demgegenüber ist in der "weibliche" Sprache der Anteil der Verben wesentlich höher.
Die Wissenschaft, speziell die Physik, liebt die Substantivierung von Tätigkeiten. Mit anderen Worten, hier zeigt sich auch in der Wissenschaftssprache eine "Vermännlichung": |
siehe z. B. in 3. |
|