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07. 10. 2009
Grundfragen der Physik,
neu gestellt und beantwortet von einer Frau
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Politik 20. Jh.
 
Die Wissenschaftler und die Politik des 20. Jahrhunderts
Die Verantwortung der Wissenschaftler

Das Verhältnis von Macht und Geist  (Vernunft) in der Geschichte ist ein besonders  interessantes. Das Buch "Rom und seine unbehausten Götter" von Volker Ebersbach*   machte mich auf diese Frage anhand der spannungsgeladenen Beziehungen der römischen Kaiser zu ihren "Haus-Philosophen" aufmerksam. Das Buch erschreckte mich, da es mir brutal deutlich machte, daß die Vernunft gegenüber der Macht immer im Nachteil ist. Von allein setzen sich kluge Erkenntnisse, vernünftige Einsichten nicht durch. Nichts da in der Realität von  dem berühmten "Wissen ist Macht" - das gilt nur in Einzelfällen, in der Mehrheit gilt "Dummheit regiert" und "Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens".

Damals formulierte ich als Lösung aus meiner Sicht:
"Wenn die Macht nicht zur Vernunft kommt, muß die Vernunft zur Macht kommen."
 
Trotzdem war da immer der Glaube, daß wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Kraft ihres Arguments bzw. Beweises heraus, aus dem Wahrheitsgehalt und dem Erkenntnisfortschritt, den sie boten, stark genug wären, sozuagen "kampflos" und "machtfrei" in den Köpfen und Herzen der Menschen  ihren Platz zu finden.

Dann, auf der Physikerinnentagung in Osnabrück 2007, erfuhr ich ein Detail aus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschlands, das mir heftig zu schaffen machte: es ging darum, wie westdeutsche Physiker sich einig waren, nicht mitzuhelfen beim Bau einer deutschen Atombombe, es ging um die "Begehrlichkeiten" der Politiker - und es ging darum, wie diese  Wissenschaftler schließlich heimtückisch (anders kann man es nicht nennen) ausgetrickst wurden (siehe Punkt 1 - zur Göttinger Erklärung).

Inzwischen bin ich auf weitere Dokumente aus den 50er Jahren gestoßen, die mir eines zeigen: die Situation ist inzwischen nicht besser geworden: Die Gefahren aus Wissenschaft und Technik für die Menschheit sind eher noch größer  als damals, allen Anstrengungen zum Trotz. Verantwortungsbewußte Wissenschaftler finden im Machtpoker kein Gehör.

Einige der Dokumente, die nach dem 2. Weltkrieg von Wissenschaftlern verfaßt wurden und deren Inhalte teilweise höchst aktuell anmuten, will ich hier vorstellen:
Folgende Dokumente sind hier zu finden:
  1. zur Göttinger Erklärung  vom April 1957
  2. Die Mainauer Erklärung der Nobelpreisträger  (Juli 1955)
3. Die Verantwortung der Wissenschaftler - aus der Erklärung der Dritten Pugwash-Konferenz von 1958

Am Rande sei erwähnt, daß es die Pugwash-Bewegung immer noch gibt und daß sie sogar 1995 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet (oder soll man sagen: "abgespeist") wurde.

* nähere Angaben siehe Quellen, Kürzel Ebersbach
1. zur Göttinger Erklärung vom April 1957
 
Auf der Physikerinnentagung 2007 in Osnabrück sprach Frau Dr. Elisabeth Kraus über die gerade 50 Jahre zurückliegende Göttinger Erklärung. Sie hatte ein Buch über Carl Friedrich von Weizsäcker geschrieben, der der Initiator dieser Erkärung war.
Das Thema ihres Vortrages war:
 
  Atomwaffen für die Bundeswehr? Carl Friedrich von Weizsäcker und
die Göttinger Erklärung
siehe Programmheft der Physikerinnentagung auf S. 34
abstract
"Carl Friedrich von Weizsäcker ist am 28. April dieses Jahres verstorben. Am
28. Juni wäre er 95 Jahre alt geworden.
Weizsäcker war der Initiator und Organisator der Göttinger Erklärung und der politische Kopf der Unterzeichner. Vor 50 Jahren, am 12. April 1957, veröffentlichten Weizsäcker und seine siebzehn Kollegen ihre Erklärung zur Atombewaffnungspolitik der Adenauer-Strauß-Regierung. Sie sprachen sich für einen deutschen Atomwaffenverzicht aus, lehnten jegliche Mitarbeit an Atomwaffen ab und erklärten ihre Bereitschaft, weiterhin bei der friedlichen Verwendung der Atomenergie mitzuwirken. Wie kam die Göttinger Erklärung zustande? Was bewirkte sie?"
 
Bemerkung
Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Vortrag, ohne jetzt absolut sicher jeden Fakt wiedergeben zu können: am unbegreiflichsten war, daß der damalige Bundeskanzler Adenauer im April die Wissenschaftler noch empfangen hatte und ihnen erklärt hatte, daß sie nie und nimmer zur Entwicklung einer deutschen Atombombe aufgefordert werden würden - und daß dann einen Monat später amerikanische Atomwaffen in Westdeutschland stationiert wurden.
 
2. Die "Mainauer Erklärung der Nobelpreisträger" vom Juli 1955
 
Wir, die Unterzeichneten, sind Naturforscher aus verschiedenen Ländern, verschiedener Rasse, verschiedenen Glaubens, verschiedener politischer Überzeugung. Äußerlich verbindet uns nur der Nobelpreis, den wir haben entgegennehmen dürfen.
Mit Freuden haben wir unser Leben in den Dienst der Wissenschaft  gestellt. Sie ist, so glauben wir, ein Weg zu einem glücklichen Leben der Menschen. Wir sehen mit Entsetzen, daß eben diese Wissenschaft der Menschheit Mittel in die Hand gibt, sich selbst zu zerstören.
Voller kriegerischer Einsatz der heute möglichen Waffen kann die Erde so sehr radioaktiv verseuchen, daß ganze Völker vernichtet würden. Dieser Tod kann die Neutralen ebenso treffen wie die Kriegsführenden.
Wenn ein Krieg zwischen den Großmächten entstünde, wer könnte garantieren, daß er sich nicht zu einem tödlichen Kampf entwickelte? So ruft eine Nation, die sich auf einen totalen Krieg einläßt, ihren eigenen Untergang herbei und gefährdet die ganze Welt.
Wir leugnen nicht, daß vielleicht heute der Friede gerade durch die Furcht vor diesen tödlichen Waffen aufrechterhalten wird. Trotzdem halten wir es für eine Selbsttäuschung, wenn Regierungen glauben sollten, sie könnten auf lange Zeit gerade durch die Angst vor diesen Waffen den Krieg vermeiden; Angst und Spannung haben so oft Krieg erzeugt. Ebenso scheint es uns eine Selbsttäuschung, zu glauben, kleinere Konflikte könnten weiterhin stets durch die traditionellen Waffen entschieden werden. In äußerster Gefahr wird keine Nation sich den Gebrauch irgendeiner Waffe versagen, die die wissenschaftliche Technik erzeugen kann.
Alle Nationen müssen zu der Entscheidung kommen, freiwillig auf die Gewalt als letztes Mittel der Politik zu verzichten. Sind sie dazu nicht bereit, werden sie aufhören zu existieren.

Mainau am Bodensee, 15. Juli 1955
entnommen dem Buch "Bahnbrecher des Atomzeitalters"
- siehe Quellen,  Kürzel "Bahnbrecher"
unterzeichnet von:
Insgesamt haben zweiundfünfzig Wissenschaftler diese Erklärung unterzeichnet, darunter:
Max Born
Walther Bothe
Paul Adrien Maurice Dirac
Otto Hahn
Werner Heisenberg
Gustav Hertz 
Frédéric und Iréne Joliot-Curie
Max von Laue
Wolfgang Pauli
Bertrand Russell
 
3. Die Verantwortung der Wissenschaftler - aus der Erklärung der Dritten  Pugwash-Konferenz 1958
Was ist "Pugwash"?
Vermutlich kennen diesen Begriff heute nur noch sehr wenige.  In den Nachrichten, Zeitungen und Zeitschriften habe ich in den vergangenen 20 Jahren  nichts darüber bewußt wahrgenommen. 
Die "'Pugwash-Bewegung" ist nach wie vor aktiv (siehe z. B. www.pugwash.de), doch scheint es sich eher um Außenseiter der Wissenschaftsszene zu handeln, die da versuchen, auf die Gefahren aus moderner Wissenschaft und Technik aufmerksam zu machen, und deren ausschließlichen Einsatz  für friedliche und humanitäre Ziele fordern.

Hier nun der Textauszug von damals:
 
 
"Es ist die Pflicht der Wissenschaftler aus aller Welt, zur Erziehung und Bildung der Menschen dadurch beizutragen, daß sie ihnen ein Verständnis für die Gefahren und Möglichkeiten vermitteln, die aus dem beispiellosen Wachstum der Wissenschaft entspringen. Wir appellieren an unsere Kollegen in allen Ländern, diese Bemühungen sowohl bei der Erwachsenenbildung  als auch im Schulunterricht  zu unterstützen. Insbesondere sollte die Erziehung darauf gerichtet sein, alle Formen menschlicher Beziehungen zu verbessern und vor allem jede Verherrlichung von Krieg und Gewalt auszuschalten.
Auf Grund ihrer Sachkenntnis sind die Wissenschaftler in der Lage, die Gefahren und auch die Verheißungen, die sich aus naturwissenschaftlichen Entwicklungen ergeben, frühzeitig zu erkennen. Sie haben dafür eine besondere Kompetenz und tragen andererseits auch eine besondere Verantwortung hinsichtlich der dringendsten Probleme unserer Zeit.
Unter den herrschenden Verhältnissen des nationalen Mißtrauens und des daraus entstehenden Rüstungswettlaufs sind alle Zweige der Naturwissenschaft - Physik, Chemie, Biologie und Psychologie - immer stärker in militärische Angelegenheiten verwickelt worden. In den Augen der Menschen vieler Länder wurde der Name "Naturwissenschaft" schon gleichbedeutend mit dem der Waffentechnik. Die Naturwissenschaftler werden entweder wegen ihres Beitrags zur nationalen Verteidigung bewundert oder aber verdammt, weil sie die Menschheit durch die Erfindung der Massenvernichtungsmittel in eine kritische Lage gebracht haben. Die wachsende materielle Unterstützung der Naturwissenschaft in vielen Ländern ist hauptsächlich eine Folge ihrer direkten oder indirekten Bedeutung für die militärische Schlagkraft des Landes und ihres Beitrages zum Erfolg des Rüstungswettlaufs.
Das lenkt die Naturwissenschaft aber von ihrem eigentlichen Zweck ab, der darin besteht, das menschliche Wissen zu vermehren und bei der Bändigung der Naturkräfte zum Wohl aller zu helfen.
Wir bedauern die Umstände, die zu dieser Situation geführt haben, und appellieren an alle Menschen und ihre Regierungen, die Voraussetzungen für einen dauerhaften  und stabilen Frieden zu schaffen."
entnommen dem Buch "Bahnbrecher des Atomzeitalters"
- siehe Quellen,  Kürzel "Bahnbrecher" - Dort ist diese Erklärung ebenfalls nur im Auszug enthalten.
Hervorhebungen im Text von mir. - B. K.

Unterschriften: Siebzig Wissenschaftler - so steht es in dem Buch - haben diese Erklärung  unterschrieben, der Autor nennt  16 Namen daraus, von denen heute in der Öffentlichkeit vor allem noch bekannt sind:
Max Born
Linus Pauling
Bertrand Russell
Leo Szilard
 
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