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Materie:
[... von lat. materia >Stoff<; >Thema<] ...
1) allg.: 1) rein Stoffliches als Grundlage von dinglich Vorhandenem; stoffl. Substanz; 2) Gegenstand, Thema (eines Gespräches, einer Untersuchung).
2) Philosophie: Die vorsokrat. Naturphilosophen suchten nach einem Urstoff, aus dem alles entstanden ist und noch immer entsteht. In der atomist. Philosophie wurde die Korpuskulartheorie der M. entwickelt, die sich die Wirklichkeit aus kleinsten körperl. Teilchen zusammengesetzt denkt. Mit Bezug auf den vorsokrat. Urstoff prägte ARISTOTELES den Begriff der M., den er in
das Begriffspaar Form und M. aufnahm. M. ist in diesem Verständnis das für die gesamte abendländ. Tradition prägend wurde,
Substrat der Körperwelt, Material, das von der Form geprägt werden muss. Wirklichkeit ist immer ein aus M. und Form zusammengesetztes Ganzes (Hylemorphismus). In der Scholastik wurde später die Unterscheidung zw. einer >materia prima<, dem gemeinsamen Urstoff aller Körper, und einer >materia secunda<, dem Stoff des konkreten Einzeldings, bedeutsam. Die M. fungierte dabei als Individuationsprinzip. Unter christl. Einfluss verschmolz der Gegensatz von M. und Form zunehmend mit dem zw. M. und Geist, wobei die M. meist abgewertet wurde. Eine andere Richtung schlugen arabische Aristoteliker (IBN RUSCHD) ein, die die M. als >Schoß der Formen< begriffen.
Zu Beginn der Neuzeit etablierte R. DESCARTES einen ontolog. Dualismus, in dem die M. als ausgedehnte (raumerfüllende) Substanz (Res extensa) mit den Bestimmungen der
Undurchdringlichkeit und unendlichen Teilbarkeit der geistigen Substanz (Res cogitans) entgegengesetzt wurde. M. konnte damit als quantifizierbare, mathemat. Struktur aufgefasst, ihre Veränderung als kausal determiniert begriffen werden. Gleichzeitig erneuerte P. GASSENDI den antiken Gedanken des Atomismus. Das Konzept einer ausgedehnten Substanz, in der die Körper nur durch Druck und Stoß, also mechanisch aufeinander wirken, wurde in der Folge, bes. im frz. Materialismus des 18. Jh., zu einem mechanist. Weltbild ausgebaut, wobei der cartesian. Dualismus von Geist und M. einem Monismus der M. weichen musste. Ein Grundzug der neueren Entwicklung ist die Dynamisierung der M. Sie soll nicht mehr nur passives Substrat sein, sondern Wirkfähigkeit und Kraft besitzen. Im naturwiss. Materialismus des ausgehenden 19. Jh.
erscheint M. (>Stoff<) als Komplementärbegriff zur >Kraft< (L. BÜCHNER), während sie bei W. OSTWALD in einem monist. >Energetismus< aufgelöst wird. In Polemik mit diesen Auslegungen
hat W. I. Lenin die M. nicht mehr mit bestimmten physikal. Einheiten, Kräften oder Strukturen identifiziert, sondern sie als Wirklichkeit außerhalb des menschl. Bewusstseins verstanden. Die philosoph. Deutung der M. ist im 20. Jh. stark von den Forschungsergebnissen der modernen Physik bestimmt worden, die das determinist. Weltbild der klass. Mechanik aufgelöst haben.
3) Physik: Im physikal. M.-Begriff geht es nicht um ontolog. Bestimmungen, sondern um
die mathematisch fassbare Struktur der Materie. Bereits im 19. Jh. wurde versucht, den Begriff der Masse rein operational zu definieren und ihn so von den Resten philosoph. Begrifflichkeit (Stofflichkeit) zu reinigen. Auch nach der Akzeptierung der Atomtheorie von J. DALTON im 19. Jh. wurde die Mikrophysik zunächst als Weiterführung der klass. Mechanik verstanden.
Erst die Physik des 20. Jh. hat den klass. M.-Begriff aufgelöst.
Die Leitfunktion der sinnlichen Anschauung und des ihr entsprechenden euklid. Raumes musste aufgegeben werden. An ihre Stelle traten
makrophysikalisch der relativitätstheoret. Begriff einer
Wechselwirkung zw. der M. als (klass.) Materiefeld und der durch sie gekrümmten vierdimensionalen Raumzeit und
mikrophysikalisch die Wechselwirkungen von M.- und Eichfeldern der Elementarteilchen, denen Wahrscheinlichkeitsamplituden im Zustandsraum (Hilbert-Raum) der Quantenmechanik bzw. Quantenfeldtheorie zugeordnet sind. Die eigentl.
Träger der M. (die Teilchen) sind dynamische Zentren,
die nur einen verschwindend geringen Raum einnehmen. Der räuml. Hauptanteil der makrophysikalisch repräsentierten M. ist >leer< im Sinne einer naiven Anschauung, jedoch erfüllt von intensiven Kraftwirkungen, die man sich als äußerst rasch fluktuierend ausgetauschte Teilchen (virtuelle Teilchen) vorstellen kann. (-> Wechselwirkung).
Sie bilden das Feld, das die eigentl. M.-Träger umgibt und als dessen Erzeugnis man umgekehrt auch diese eigentl. M. zu verstehen bemüht ist, da seit Entdeckung des Dualismus (->Welle-Teilchen-Dualismus) eine scharfe Trennung zw. den Begriffen Teilchen und Feld nicht möglich ist. Vielmehr können
Teilchen mit Ruhemasse in solche ohne Ruhemasse umgewandelt werden und umgekehrt (->Paarbildung) Beide können als zwei versch.
Erscheinungsformen von Energie aufgefasst werden (->Masse-Energie-Äquivalenz).
Eine der Grundeigenschaften der M., oft fälschlich mit ihr gleichgesetzt, ist die Masse. - Die -> Antimaterie ist im obigen Sin als eine andere Form von M. aufzufassen, nicht aber als etwas von >normaler< M. Wesensverschiedenes. Durch die Wechselwirkungen der M. werden die Elementarprozesse der Mikrophysik, der Kern- und Atomaufbau, die chem. Bindungsverhältnisse in Molekülen und Festkörpern, die Eigenschaften der makroskop. M. unserer Umgebung wie auch Aufbau, Struktur und
Geometrie des Kosmos beschrieben.