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31. 10. 2007
Grundfragen der Physik,
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Materie / Zitate
 

Materie / Zitate
verschiedene Darstellungen und Definitionen in Physik und Philosophie

Zu den Darstellungen in verschiedenen Quellen:
  BDE -  Brockhaus - Die Enzyklopädie 
  Du7 -  Duden Band 7 - das Herkunftswörterbuch:
  Frauenlex - Das Lexikon "Das geheime Wissen der Frauen" : Mater und Materie
  Mauthner   - Der tautologische Bezug zwischen Atom und Materie
Lenins Materie-Definition
 
Ausführliche Quellenangaben zu den einzelnen Zitaten finden sich in Quellen unter den entsprechenden Kürzeln. Hervorhebungen in den Zitaten durch fette Schrift sind von mir - B. K.    
BDE: Brockhaus - Die Enzyklopädie
(Zitat in voller Länge aus Band 14, S. 326/327, mit Ausnahme der Literaturangaben
 
Materie:
[... von lat. materia >Stoff<; >Thema<] ...

1) allg.: 1) rein Stoffliches als Grundlage von dinglich Vorhandenem; stoffl. Substanz; 2) Gegenstand, Thema (eines Gespräches, einer Untersuchung).

2) Philosophie: Die vorsokrat. Naturphilosophen suchten nach einem Urstoff, aus dem alles entstanden ist und noch immer entsteht. In der atomist. Philosophie wurde die Korpuskulartheorie der M. entwickelt, die sich die Wirklichkeit aus kleinsten körperl. Teilchen zusammengesetzt denkt. Mit Bezug auf den vorsokrat. Urstoff prägte ARISTOTELES den Begriff der M., den er in das Begriffspaar Form und M. aufnahm. M. ist in diesem Verständnis das für die gesamte abendländ. Tradition prägend wurde, Substrat der Körperwelt, Material, das von der Form geprägt werden muss. Wirklichkeit ist immer ein aus M. und Form zusammengesetztes Ganzes (Hylemorphismus). In der Scholastik wurde später die Unterscheidung zw. einer >materia prima<, dem gemeinsamen Urstoff aller Körper, und einer >materia secunda<, dem Stoff des konkreten Einzeldings, bedeutsam. Die M. fungierte dabei als Individuationsprinzip. Unter christl. Einfluss verschmolz der Gegensatz von M. und Form zunehmend mit dem zw. M. und Geist, wobei die M. meist abgewertet wurde. Eine andere Richtung schlugen arabische Aristoteliker (IBN RUSCHD) ein, die die M. als >Schoß der Formen< begriffen.
Zu Beginn der Neuzeit etablierte R. DESCARTES einen ontolog. Dualismus, in dem die M. als ausgedehnte (raumerfüllende) Substanz (Res extensa) mit den Bestimmungen der Undurchdringlichkeit und unendlichen Teilbarkeit der geistigen Substanz (Res cogitans) entgegengesetzt wurde. M. konnte damit als quantifizierbare, mathemat. Struktur aufgefasst, ihre Veränderung als kausal determiniert begriffen werden. Gleichzeitig erneuerte P. GASSENDI den antiken Gedanken des Atomismus. Das Konzept einer ausgedehnten Substanz, in der die Körper nur durch Druck und Stoß, also mechanisch aufeinander wirken, wurde in der Folge, bes. im frz. Materialismus des 18. Jh., zu einem mechanist. Weltbild ausgebaut, wobei der cartesian. Dualismus von Geist und M. einem Monismus der M. weichen musste. Ein Grundzug der neueren Entwicklung ist die Dynamisierung der M. Sie soll nicht mehr nur passives Substrat sein, sondern Wirkfähigkeit und Kraft besitzen. Im naturwiss. Materialismus des ausgehenden 19. Jh. erscheint M. (>Stoff<) als Komplementärbegriff zur >Kraft< (L. BÜCHNER), während sie bei W. OSTWALD in einem monist. >Energetismus< aufgelöst wird. In Polemik mit diesen Auslegungen hat W. I. Lenin die M. nicht mehr  mit bestimmten physikal. Einheiten, Kräften oder Strukturen identifiziert, sondern sie als Wirklichkeit außerhalb des menschl. Bewusstseins verstanden. Die philosoph. Deutung der M. ist im 20. Jh. stark von den Forschungsergebnissen der modernen Physik bestimmt worden, die das determinist. Weltbild der klass. Mechanik aufgelöst haben.

3) Physik: Im physikal. M.-Begriff geht es nicht um ontolog. Bestimmungen, sondern um die mathematisch fassbare Struktur der Materie. Bereits im 19. Jh. wurde versucht, den Begriff der Masse rein operational zu definieren und ihn so von den Resten philosoph. Begrifflichkeit (Stofflichkeit) zu reinigen. Auch nach der Akzeptierung der Atomtheorie von J. DALTON im 19. Jh. wurde die Mikrophysik zunächst als Weiterführung der klass. Mechanik verstanden.
Erst die Physik des 20. Jh. hat den klass. M.-Begriff aufgelöst. Die Leitfunktion der sinnlichen Anschauung und des ihr entsprechenden euklid. Raumes musste aufgegeben werden. An ihre Stelle traten makrophysikalisch der relativitätstheoret. Begriff einer Wechselwirkung zw. der M. als (klass.) Materiefeld und der durch sie gekrümmten vierdimensionalen Raumzeit und mikrophysikalisch die Wechselwirkungen von M.- und Eichfeldern der Elementarteilchen, denen Wahrscheinlichkeitsamplituden im Zustandsraum (Hilbert-Raum) der Quantenmechanik bzw. Quantenfeldtheorie zugeordnet sind. Die eigentl. Träger der M. (die Teilchen) sind dynamische Zentren, die nur einen verschwindend geringen Raum einnehmen. Der räuml. Hauptanteil der makrophysikalisch repräsentierten M. ist >leer< im Sinne einer naiven Anschauung, jedoch erfüllt von intensiven Kraftwirkungen, die man sich als äußerst rasch fluktuierend ausgetauschte Teilchen (virtuelle Teilchen) vorstellen kann. (-> Wechselwirkung). Sie bilden das Feld, das die eigentl. M.-Träger umgibt und als dessen Erzeugnis man umgekehrt auch diese eigentl. M. zu verstehen bemüht ist, da seit Entdeckung des Dualismus (->Welle-Teilchen-Dualismus) eine scharfe Trennung zw. den Begriffen Teilchen und Feld nicht möglich ist. Vielmehr können Teilchen mit Ruhemasse in solche ohne Ruhemasse umgewandelt werden und umgekehrt (->Paarbildung) Beide können als zwei versch. Erscheinungsformen von Energie aufgefasst werden (->Masse-Energie-Äquivalenz). Eine der Grundeigenschaften der M., oft fälschlich mit ihr gleichgesetzt, ist die Masse. - Die -> Antimaterie ist im obigen Sin als eine andere Form von M. aufzufassen, nicht aber als etwas von >normaler< M. Wesensverschiedenes. Durch die Wechselwirkungen der M. werden die Elementarprozesse der Mikrophysik, der Kern- und Atomaufbau, die chem. Bindungsverhältnisse in Molekülen und Festkörpern, die Eigenschaften der makroskop. M. unserer Umgebung wie auch Aufbau, Struktur und Geometrie des Kosmos beschrieben.
Du7: Duden Band 7 - das Herkunftswörterbuch  (Textauszug aus "Materie")
 
„Urstoff; Stoff, Inhalt; Gegenstand [einer Untersuchung]” : Das Substantiv wurde in mhd. Zeit (mhd. materie) aus lat. materia „Bauholz, Nutzholz; Material, Stoff; Aufgabe; Anlage, Talent; Ursache” entlehnt. Dies ist wahrscheinlich eine Bildung zu lat. mater (vgl. Mutter) und bezeichnete ursprünglich die „mater”, den hervorbringenden und nährenden Teil des Baumes (im Gegensatz zur Rinde un zu den Zweigen). Um „Materie” gruppieren sich Material „Rohstoff, Werkstoff; Hilfsmittel; Unterlagen, Belege”, ....”
 
Frauenlex  - Das Frauenlexikon "Das geheime Wissen der Frauen"
 
Mater
„Dieses indoeuropäische Stammwort für >Mutter< und >Maß< war die Grundlage vieler lateinischer Wörter und davon ausgehend auch für viele Wörter der europäischen Sprachen, wie matrix, matter, metrisch, materical, maternal, Matrone usw. Matres war eine Bezeichnung für die keltische dreifache Göttin oder Dreiheit der Schicksalsgöttinnen. Matri oder >Mütter< war ein tantrisches Wort für alle wohlwollenden weiblichen Geister. Matta, >Mutter< , der Name der obersten Göttin ...”

außerdem interessant eine Bemerkung aus dem Suchwort Maya:
" >Magie<, der Titel der Jungfrau Kali als Schöpferin irdischer Erscheinungen, das heißt aller Dinge, die aus Materie gemacht und für die Sinne wahrnehmbar sind ...”
 
Mauthner - ein philosophisches Wörterbuch aus dem Jahr 1910: Der tautologische Bezug zwischen Atom und Materie
 
"Das Atom gehört zu den Begriffen, mit deren Hilfe der arme Menschengeist versucht, sich von den letzten Fragen durch Zurückschieben zu befreien. Den Griechen gelang das beinahe, weil sie in ihrer erkenntnistheoretischen Unschuld kein Arg darin sahen, während dieses Zurückschiebens beim Worte unteilbar plötzlich haltzumachen und auszuruhen. Wir können mit gutem Gewissen nicht einmal bei den unwägbaren Atomen des Weltäthers ausruhen. Für uns hätte das alte Wortgespenst Atom nur dann einen beruhigenden Sinn, wenn wir sagen könnten, was die Substanz oder die Materie ist; aber über die Substanz oder die Materie können wir nichts aussagen, bevor wir wissen, was das Atom ist."
Quelle: siehe > digitbib

Dieses Zitat ist auch zu finden in den Fremdtexten > Mauthner, F.
Lenins Materie-Definition
 
Zusätzlich  gebe ich noch eine kurze Textstelle vor der eigentlichen Materie-Definition wider, die sich auf die physikalische Frage nach der Struktur der Materie bezieht:

„Die Machisten zucken verächtlich die Achseln über die »veralteten< Ansichten der »Dogmatiker«, der Materialisten, die sich an den durch die »neueste Wissenschaft« und den »neuesten Positivismus« angeblich widerlegten Begriff der Materie halten. Über die neuen Theorien der Physik , die die Struktur der Materie betreffen, werden wir noch gesondert sprechen. Es ist aber völlig unzulässig, die Lehre von dieser oder jener Struktur der Materie mit einer erkenntnistheoretischen Kategorie zu verwechseln, die Frage nach den neuesten Eigenschaften der neuen Arten der Materie (zum Beispiel der Elektronen) mit der alten Frage der Erkenntnistheorie, der Frage nach den Quellen unseres Wissens, nach der Existenz der objektiven Wahrheit u. dgl. m. zu verwechseln, wie die Machisten dies tun. Mach hat »die Weltelemente entdeckt«: das Rote, das Grüne, das Harte, das Weiche, das Laute, das Lange usw., sagt man uns. Wir fragen: Ist dem Menschen, wenn er das Rote sieht, das Harte empfindet usw., die objektive Realität gegeben oder nicht? Diese uralte philosophische Frage ist von Mach verwirrt worden. Ist sie nicht gegeben, dann gleitet ihr zusammen mit Mach unvermeidlich in den Subjektivismus und Agnostizismus ab und liefert euch der wohlverdienten Umarmung der Immanenzphilosophen ... aus. Ist sie aber gegeben, dann braucht man für diese objektive Realität einen philosophischen Begriff, und dieser Begriff ist längst, vor sehr langer Zeit geschaffen worden, dieser Begriff ist eben die Materie. Die Materie ist eine philosophische Kategorie zur Bezeichnung der objektiven Realität, die dem Menschen in seinen Empfindungen gegeben ist, die von unseren Empfindungen kopiert, fotografiert, abgebildet wird und unabhängig von ihnen existiert. ....
Die Frage, ob der Begriff der Materie anzuerkennen oder abzulehnen sei, ist die Frage, ob der Mensch dem Zeugnis seiner Sinnesorgane vertrauen soll, ist die Frage nach der Quelle unserer Erkenntnis ....”
Lenin, Wladimir Iljitsch
Materialismus und Empiriokritizismus - Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie
Dietz Verlag Berlin 1989, 19. Auflage, ISBN 3 - 320 - 00387 - 9
Das Zitat ist von
S. 161f
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