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31. 10. 2007  
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Fremdtexte
Vinnai, G.
 
Vinnai, Gerhard
und "Die Austreibung der Kritik aus der Wissenschaft"
Vinnai, Gerhard
Die Austreibung der Kritik aus der Wissenschaft
- Psychologie im Universitätsbetrieb
Campus Verlag 1993 Frankfurt/Main/New York
ISBN 3-593-34877-2, 240 Seiten TB

Das Buch kann direkt von der Website www.vinnai.de  als pdf-Datei heruntergeladen werden.

Copyright © 1993 beim Autor.
Prof. Dr. Gerhard Vinnai
UNIVERSITÄT BREMEN FB 12
Erziehungs- und Bildungswissenschaften
Institut für Kulturforschung und Bildung
Postfach 33 04 40
D-28359 Bremen
e-mail: vinnai(at)uni-bremen.de


Im März 2007 stieß ich zufällig auf die Website von Prof. Vinnai. Seine Ausführungen waren für mich so spannend, daß ich alles andere liegen ließ und erst einmal dieses Buch durcharbeitete.  Einige seiner Gedanken waren für mich Anregung für die Seite "Psychologie" im Thema Wissenschafts-Theorie / Erkenntnis-Theorie.  Hier stelle ich nun einige seiner Gedanken etwas ausführlicher vor.
Der erste Satz von Professor Vinnai in seinem Buch ist übrigens:
" Der bestehende Universitätsbetrieb bedarf der grundlegenden Kritik."

Die Ausführungen und Texte im einzelnen:
 
  2. Klappentext des Buches
  3.  Die Analyse des Ist-Zustandes von Wissenschaft und Universität
  4. Die Inhaltsübersicht
5. Auswahl einiger wichtiger Aussagen aus dem Buch (Thesen)

Diese Seite ist noch in der  Bearbeitung.
Während der bisherigen Arbeit an dieser Seite änderte ich meine Absicht: sinnvoller als eine Inhaltsübersicht und eine Auswahl interessanter Einzelaussagen vorzustellen erscheint es mir nun, Vinnais Ausarbeitungen zum Universitätsideal hier bekannt zu machen.
1. Zur Person des Autors
 
Auf seiner Website ist zu lesen:

Gerhard Vinnai, geb.1940, bis 2005 Professor für Analytische Sozialpsychologie an der Universität Bremen.
Seine Arbeitsschwerpunkte waren und sind es sicher nach seiner Emeritierung noch:
       Psychologie der Gewalt,
       Psychoanalyse der Religion,
       Geschlechterrollenprobleme.

Vielleicht sagen  auch weitere   Themen, mit denen er sich in seinen Veröffentlichungen befaßt (teilweise sind die Arbeiten auf seiner Website kostenlos verfügbar), mehr über sein Anliegen (eine kleine Auswahl):
    - Die Liebe zu Krieg und Gewalt. Zur Sozialpsychologie
      von Kriegsbereitschaft und Terrorismus.
    - Fußball als Lebensersatz
    - Religion und Gewalt
    - Für eine andere Hochschulreform
    - Die Austreibung des Subjekts aus der Wissenschaft

In dem, was ich bisher von seinen Texten gelesen habe, sehe ich das sorgenvolle Bemühen eines Menschen, auf die von ihm erkannten Mißstände aufmerksam zu machen und andere anzuregen, ebenfalls gründlicher nachzudenken und vor allem auch Erkenntnisse für das eigene Handeln abzuleiten. Vinnais Sorge um die Zukunft der Psychologie als Wissenschaft, der Weiterentwicklung der Wissenschaften insgesamt und auch um eine zukunftsfähige universitäre Ausbildung ist unverkennbar.
Foto von Prof. Vinnai, entnommen seiner Webseite
2. Klappentext des Buches
 

Der bestehende Universitätsbetrieb bedarf der grundlegenden Kritik. Vinnai übt sie exemplarisch am Fach Psychologie, wo die Misere der Wissenschaft besonders drastisch zum Ausdruck kommt. Die herrschenden Denkmodelle, bürokratische Zwänge, Beziehungsformen, Prüfungsrituale, aber auch z.B. ein bestimmter Umgang mit der Geschlechterdifferenz blockieren das offene Suchen nach Erkenntnis. Vinnai versteht seine Aufarbetung eines verbreiteten Unbehagens an der Universität als eine Streitschrift, die Kontroversen hervorrufen und zum Nachdenken anregen soll.

Hervorhebung von mir - B. K.
3. Die Analyse des IST-Zustandes von Wissenschaft und Universitätsbetrieb  
 
In seiner Analyse vermittelt Vinnai eine große Fülle an Fakten, Zusammenhängen und Einsichten. Da seine Darstellung ein geschlossenes Ganzes ist,  ist es schwierig, einzelne Gedanken besonders herauszuheben: ihre Bedeutung erschließt sich ja gerade erst durch das Vorher-Gesagte und die folgenden Ausführungen. In diesem Sinne ist es auch unmöglich, eine Art Zusammenfassung seiner Erkenntnisse zu geben, zu leicht gerät eine solche Verknappung in den Verdacht, nur noch Behauptungen aneinander zu reihen.

Erst beim Lesen des Gesamttextes  erschließt sich der Grundgedanke: eine grundsätzliche Erneuerung von Wissenschaft und Universität ist notwendig, wenn wir in Deutschland auf diesem Gebiet zukunftsfähig bleiben wollen. Doch gerade die Unfähigkeit zur Annahme von Kritik und zur Selbstkritik ist das Hauptübel dieser Wissenschaft und dieses Lehrbetriebes - ein Teufelskreis, von dem nicht abzusehen ist, wie er in dieser Situation noch durchbrochen werden könnte.

So bin ich von meinem ursprünglichen Anliegen, den Inhalt dieses Buches vorzustellen, wieder abgerückt. Ich habe mich entschieden, einige wenige, mir besonders wichtige Aussagen aus dem Buch hier eher thesenhaft zusammenzustellen, in der Hoffnung,  Ihr Interesse zu wecken, das ganze Buch selbst zu lesen.
Die Anwendung der folgenden Erkenntnisse und Aussagen auf den naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozeß selbst mag nicht in jedem Fall  möglich sein, doch lassen sich einige Analogien zwischen Vinnais Kritikpunkten an der modernen Psychologie  und denen, die gegenüber der modernen Naturwissenschaft nötig sind, nicht übersehen. Andererseits geht es in Vinnaus Buch auch um die psychologische Analyse des erkennenden Subjektes selbst und um das Aufzeigen der Auswirkungen des naturwissenschaftlichen Erkenntisideals auf die Psychologie.
In einigen Zitaten habe ich fett hervorgehoben, wo ich Anknüpfungen an das naturwissenschaftliche Weltbild und Erkenntnisideal sehe. Weitere Assoziationen, die mir bei der Auswahl der Zitate kamen, lasse ich weg.   Es fiel schwer, sich auf ganz wenige Aussagen zu beschränken. Wenn die  Seite trotzdem sehr umfangreich wurde, bitte ich das zu entschuldigen.

Zuerst jedoch das  Inhaltsverzeichnis als kleine Vororientierung:
 
4. Inhaltsverzeichnis
Einleitung  
3
Erster Teil Die Schule der Sprachlosigkeit
Die Herrschaft der Kontrolleure
Empirische Forschung als Form angepaßter Realitätsverleugnung - Zur Kritik der Experimentellen Psychologie
Unter der Diktatur des Quantitativen
8
21

33
64
Zweiter Teil Utopie und Wirklichkeit der Universität
Curriculum macht alle dumm - Zur Zerstörung der Psychologischen Lehre
Die Universität als Berufsfachschule - Zum Verhältnis von Theorie und Praxis
82
105
128
Dritter Teil
Die Leugnung der Differenz - Geschlechtlichkeit und wissenschaftliche Vernunft
Zur Rekonstruktion der Erfahrungsfähigkeit
156

182
5. Auswahl einiger wichtiger Aussagen aus dem Buch  - thesenförmig
aus der Einleitung
"Die Struktur der Universität verhält sich Formen und Inhalten des wissenschaftlichen Denkens gegenüber keineswegs neutral. Sie begünstigt bestimmte Arten zu denken und blockiert andere."

"Die Psychologie an der Universität wird von Vertretern einer Wissenschaftsrichtung beherrscht, die sich am naturwissenschaftlichen Erkenntnisideal orientieren."

"Die Kritik an der akademischen Psychologie wird in diesem Buch mit einer umfassenden Auseinandersetzung mit der modernen wissenschaftlichen Rationalität verbunden."

"Die lustlose, leere Routine, der viele Wissenschaftler verfallen sind, weist darauf hin, daß auch sie an der Sinnhaftigkeit ihres Tuns geheime Zweifel hegen."

"Das Kapitel über »Die Leugnung der Differenz« zeigt auf, wie die vom positivistischen Denken negierte Geschlechterdifferenz unterschwellig in die Wissenschaft eingeht. Es versucht Hinweise darauf zu geben, wie ein produktiverer, herrschaftsfreierer Umgang mit dieser Differenz die Wissenschaft verändern könnte."

"Mein Wunsch ist, daß mein Buch helfen möge, den einschüchternden Anspruch der etablierten Wissenschaft als weitgehend hohl zu durchschauen. Dadurch könnte es unkonventionellem, offenem Denken Mut machen. Es möchte gegen das einschüchternde Diktat wissenschaftlicher Rituale eine theoretisch fundierte »sekundäre Naivität« aufrichten helfen, die dabei hilft, deren Bann zu brechen und ins Freiere zu denken. "
 
aus dem ersten Teil
Die Schule der Sprachlosigkeit

"Die Verbindung von individuellen Erfahrungen und umfassenden theoretischen Einsichten ist meistens blockiert. "

"Die Sprache des Bürokratischen, die auf Anweisungen aus ist, die den öffentlichen Diskurs überflüssig machen, ist heute die Sprache, die die Universität beherrscht."

"Die naturwissenschaftlich orientierte Psychologie ist auf »objektive« Erkenntnisse aus. Diese können, nach einer dogmatischen Setzung, der sie anhängt, nur durch die Ausschaltung von Erfahrungen zustande kommen, die als »bloß« subjektiv gelten."

"Die individuelle Besonderheit der Subjekte wie der Objekte der Erkenntnis soll im Wissenschaftsprozeß ausgeschaltet werden. Nur indem man von der Individualität absieht, glaubt man, zu den angestrebten allgemeingültigen Gesetzesaussagen gelangen zu können."

"Die Theorie und die Praxis der Rhetorik waren an den frühen Universitäten ein zentraler Bestandteil der Ausbildung. Mit Hilfe der öffentlichen Disputation wurde häufig der Streit der Vertreter verschiedener kirchlicher Richtungen ausgetragen. Die von der Scholastik und dem Humanismus geprägten Universitäten waren ein Ort, an dem diese Art des Meinungsstreites eingeübt wurde. In gelingenden wissenschaftlichen Kontroversen wirkt noch etwas von dieser Streitlust nach. "

"Platons Philosophie ist in Dialoge gefaßt. In seinen Texten treffen sich gebildete Individuen an einem Ort, der dem Gegenstand ihrer Unterredung angemessen ist, um miteinander über philosophische Fragen zu diskutieren. Philosophisches Denken ist an den Dialog gebunden, an Rede und Gegenrede; das Wort »Dialektik« hat hier seinen Ursprung. Die platonische Akademie soll kein Ort sein, an dem die Wahrheit autoritär verkündet wird, hier soll sie vielmehr diskutierend gemeinsam gefunden werden, indem man sich mit verschiedenen Weltinterpretationen auseinandersetzt. Dieses Element der Idee der platonischen Akademie hat spätere Universitätsvorstellungen mitbestimmt. Das neuhumanistische Universitätsideal,das mit dem Namen Wilhelm von Humboldts verknüpft ist, will die Universität zu einem Ort machen, an dem der freie, öffentliche Austausch von Wissen die Entwicklung des theoretischen Denkens und die Bildung der Hochschulangehörigen fördert. "

"Jeder, der wirklichen Menschenkennern begegnet ist, konnte die Erfahrung machen, daß sie etwas auszusprechen vermögen, was man immer schon wußte, aber noch nicht sagen konnte. Das weist darauf hin, daß wir eine Wahrheit nicht nur bewußt, sondern auch vorbewußt oder unbewußt in uns tragen können."

 
Die Herrschaft der Kontrolleure

"Von der Nachkriegszeit bis in die 60er Jahre wurde die Universitätspsychologie von Vertretern des Behaviorismus beherrscht, der entscheidend die Geschichte der naturwissenschaftlich orientierten Psychologie geprägt hat. John B. Watson, der Stammvater des Behaviorismus, schreibt unter der Überschrift »Psychologie, wie sie der Behaviorist sieht«: »Psychologie, wie sie der Behaviorismus sieht, ist ein vollkommen objektiver, experimenteller Zweig der Naturwissenschaft. Ihr theoretisches Ziel ist die Vorhersage und Kontrolle von Verhalten«. Es geht ihr darum, »ein System zur Vorhersage und Kontrolle von Reaktionen im allgemeinen auszuarbeiten«. Mit diesem System hat Watson Großes vor: »Der Behaviorist glaubt, daß seine Wissenschaft eine Grundlage für die Ordnung und Kontrolle der Gesellschaft ist.«  Die Ordnungssysteme, die der Behaviorismus anstrebt, fordern nach Watson das Opfer des Bewußtseins. Als Bewußtlose eignen sich die Menschen am besten als Kontrollobjekte. Selbstreflexion als wesentliches Element menschlicher Subjektivität wird tabuisiert, sie wird als »Introspektion« abgewertet."

"Wo die Abschaffung des Bewußtseins noch nicht möglich ist, soll dem Denken seine Lebendigkeit und Spontaneität ausgetrieben werden. »Denkprozesse werden damit ebenso mechanisch wie Gewohnheiten«."

"Watson [ein Vertreter dieser behavioristischen Psychologie] will nicht nur dafür sorgen, daß Kinder besser unter Kontrolle gebracht werden, er sorgt sich auch um die Kontrolle, mit der man Frauen in Abhängigkeit halten kann. Im Fortschritt der Frauenemanzipation sieht er die Gefahr eines bedrohlichen Kontrollverlusts."

"Watsons Psychologie trägt offen totalitäre Züge. Sein einflußreichstes Werk Behaviorismus wurde nicht zufällig 1930, also in der Ära des Faschismus, veröffentlicht. Psychoanalytisch Gebildete können am Denken Watsons leicht Züge des autoritären Zwangscharakters mit seinem latenten Sadismus ausmachen. Warum konnte ein solcher Theoretiker in der akademischen Psychologie eine derart herausragende Bedeutung erlangen? Warum konnte in der Nachkriegszeit der Behaviorismus als demokratische amerikanische Alternative zu einer vom totalitären Faschismus infizierten deutschen Psychologie gehandelt werden, obwohl er selbst totalitäre Züge trägt? Warum nehmen Psychologen, wenn sie heute eine zu einseitige Ausrichtung des Behaviorismus kritisieren, das widerwärtig Autoritäre eines derartigen theoretischen Systems nicht wahr? Begünstigt die akademische Psychologie, daß vor allem Menschen in ihrem Bereich Karriere machen, deren Charakterstrukturen denen Watsons derart verwandt sind, daß sie über sein Werk nicht zu erschrecken vermögen?"

"Die machtbesessene Kontrollwut, die Watson auszeichnet, ist keineswegs nur sein individuelles Problem. Das technokratische autoritäre Denken, das das Wesen des Behaviorismus ausmacht, zeichnet auch andere seiner Vertreter aus. Skinner, der sich als Kritiker des Bestehenden gibt, hat ein Buch mit dem Titel "Jenseits von Freiheit und Würde" geschrieben, in dem er für die Abschaffung dieser Begriffe im Bereich der Psychologie eintritt. Sein Werk "Walden Two", in dem er eine Sozialutopie mit durchaus kapitalismuskritischen Zügen vorstellt, trägt totalitäre Züge, sobald diese mit der Macht wissenschaftlicher Experten verknüpft wird. In seinem Werk Was ist Behaviorismus? wird Wissen schlicht mit Verhaltenskontrolle gleichgesetzt."

"Sein Ziel ist ein System der »Vorhersage und Kontrolle«. Die »Kontrolle der Umwelt ist die große Aufgabe der modernen Psychologie«. Diese Kontrolle fordert die Mechanisierung der Realitätsbezüge:
»Sobald es von Bedeutung ist, sich über einen Gegenstand wirklich Klarheit zu verschaffen, wird ausschließlich ein technisches Vokabular verwendet werden können.«
»Operantes Verhalten«, das Skinner anstrebt, ist für ihn »seinem Wesen nach Machtausübung«.
Die Verbindung von Wissen und Macht, die der Behaviorismus aufzeigt und zu der er sich offen bekennt, ...”

"Die Erfassung kognitiver Prozesse in Verbindung mit Computermodellen, die mit dieser »Wende« [der „kognitiven Wende” in den 60er Jahren] einsetzt, hebt die Herrschaft der Kontrolleursmentalität keineswegs auf, sie hilft vielmehr, sie auf einer anderen Ebene zu organisieren. Menschen dürfen nun für Psychologen so reduziert und standardisiert denken, als ob ihr Bewußtsein vom Computer organisiert würde; ihre Handlungen dürfen nun so roboterhaft ritualisiert sein, als würden sie von Steuerungsmaschinen geregelt. ..... Nicht nur ihr Verhalten, sondern auch ihr Bewußtsein soll kontrollierbar maschinisiert werden.
Der Behaviorismus orientiert sich an den mechanischen Modellen der klassischen Physik,
die z.B. zu erfassen suchen, welche Bewegungen von Körpern durch Kräfte hervorgerufen werden, die auf sie einwirken. Er orientiert sich an der klassischen Mechanik, etwa der von Newton, die mit der Konstruktion »traditioneller« Maschinen, wie etwa der Dampfmaschine, verknüpft ist."

"Der Subjektivismus, den die positivistischen Psychologen als so extrem bedrohlich erfahren, erscheint ihnen immer dann, wenn menschliche Subjekthaftigkeit auftaucht. Ihren scheinbaren Kampf gegen den Subjektivismus führen sie undurchschaut primär gegen eine menschliche Subjektivität, die sich ihrem entfesselten Kontrollzwang nicht fügen will. Wo das menschliche Subjekt mit seinen potentiell offenen Möglichkeiten, seiner Selbsttätigkeit, seiner Spontaneität, aber auch seinen irrationalen Seiten auftaucht, wird es für die Positivisten zum Gegner."

"Der Fortschritt einer Gesellschaft mißt sich für ihn [für Klaus Holzkamp, das Schulhaupt einer Richtung der Psychologie, die sich als »Kritische Psychologie« bezeichnet] daran, in welchem Maß die Menschen in ihr zur »bewußten gesellschaftlichen Realitätskontrolle« in der Lage sind."

"Die akademischen Kontrolleure, die die Psychologie, und nicht nur sie, dominieren, sind Opfer einer Gesellschaft, die sie ständig zwingt, sich zusammenzureißen und während ihrer Berufsarbeit ihre Sinnlichkeit zwanghaft zu negieren."

"Die Freiheit der Menschen wächst nicht schlicht mit dem Maß der Kontrolle über das eigene Selbst und die äußere Realität. Sie hat eher mit dem Maß an Offenheit zu tun, das man anderen gegenüber aushält, sie hat mit der Fähigkeit zu tun, sich auf seine Mitmenschen einzulassen."

"...daß Denkprozesse nicht unbedingt dem Willen des denkenden Subjekts gehorchen, sondern zustande kommen, wenn sie an der Zeit sind, wenn soziale Prozesse oder psychische Befindlichkeiten sie zulassen."  
 
Empirische Forschung als Form angepaßter Realitäts-verleugnung   -  Zur Kritik der Experimentellen Psychologie

"An der Universität gibt eine Richtung der Psychologie den Ton an, die sich am naturwissenschaftlichen Modell orientiert. Wissenschaftlichkeit ist für diese positivistische Psychologie gesichert, wenn methodische Standards eingehalten werden, die im Bereich der Naturwissenschaften entwickelt wurden."

In Auswertung des bekannten Milgram-Experimentes schreibt Vinnai:
"»Normale« Menschen zeigen typischerweise ein infantiles, unreifes Verhalten gegenüber Psychologen, sie zeigen ihnen gegenüber eine blinde Gläubigkeit und Autoritätshörigkeit. Psychologen wollen nicht wahrhaben, daß sie eine Rolle spielen, die bei anderen autoritäre Abhängigkeit hervorruft."

und
"Gestattet man sich derartige Vermutungen, so ist man mit der Frage konfrontiert, ob die psychologische Wissenschaft, die vorgibt der Aufklärung und damit der Befreiung der Menschen von blinden Zwängen zu dienen, nicht eher eine Institution ist, die dazu dient, Formen der Unterwerfungsbereitschaft hervorzubringen oder zu stabilisieren. Die Untersuchung kann auf ein Problem hinweisen, dessen Verleugnung Milgrams eigene Interpretation dient, indem sie es nur bei den Versuchspersonen ansiedelt. Auf das Problem nämlich, inwiefern die psychologische Wissenschaft ein totalitäres Potential in sich trägt, über das Wissenschaftler nachzudenken hätten."


"Der Mensch als Störfaktor"    [z. B. in den Experimenten, die er durchführt]
"Die Versuchspersonen lernen durch die Erfahrungen, die sie während der Durchführung eines Experiments machen. Das kann zur Konsequenz haben, daß die Wiederholung eines Experiments mit denselben Versuchspersonen zu einem anderen Ergebnis führt, als es beim ersten Mal auftrat. Dies stellt die methodische Forderung nach der Wiederholbarkeit von Experimenten in Frage."

"Was Menschen zu Subjekten macht, was ihr Potential an menschlicher Freiheit ausmacht, wird in experimentellen Situationen zum Störfaktor."
 
"Objektivität als kollektivierte subjektive Willkür"
[Details zu dieser Aussage lasse ich hier vorerst weg, nur ein Popper-Zitat sei übernommen]
"Popper schlägt vor, als Indiz für die Objektivität eines »Basissatzes« den Konsens einer »idealen« Forschergemeinschaft anzunehmen. Eine solche Forschergemeinschaft ist, selbst für Popper, bei ihren Feststellungen immer von gesellschaftlichen und politischen Konstellationen abhängig, die ihre Wahrnehmung festlegen:
»Was man als wissenschaftliche Objektivität bezeichnen kann, liegt einzig und allein in der kritischen Tradition, die es trotz aller Widerstände so oft ermöglicht, ein herrschendes Dogma zu kritisieren.
Anders ausgedrückt, die Objektivität der Wissenschaft ist nicht eine individuelle Angelegenheit der verschiedenen Wissenschaftler, sondern eine soziale Angelegenheit ihrer gegenseitigen Kritik, der freundlich-feindlichen Arbeitsteilung der Wissenschaftler, ihres Zusammenarbeitens und auch ihres Gegeneinanderarbeitens. Sie hängt daher zum Teil von einer ganzen Reihe von gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen ab, die diese Kritik ermöglichen.« [Popper im „Positivismusstreit”]
 
 
"Auch im Bereich der Wissenschaft materialisiert sich der absolute Herr: als »idealer Beobachter« im Experiment. Der Wissenschaftler, der Experimente durchführt, ordnet die Realität in der künstlichen Situation des Experiments nach seinem Willen und unterwirft alles seinem kontrollierenden Blick, der allein legitime Erfahrung verbürgen soll. Der Forschende, der sich im Bereich der naturwissenschaftlichen Rationalität scheinbar neutraler wissenschaftlicher Prozeduren bedient, ist in Wahrheit immer noch ein Agent des idealen Herren der westlichen Zivilisation."

"Seit den Anfängen der modernen Naturwissenschaft ist, wie Werner Kutschmann herausgearbeitet hat, für die lebendige leibliche Erfahrung kaum noch Platz in der Wissenschaft.
Mit der Entthronung der Sinne, der Des-Anthropomorphisierung der Natur und nicht zuletzt der Versagung der Verstehensbeziehungen in der sympathetischen sinnlichen Wahrnehmung ist der selbstverständliche Bezug des Forschers zur Naturhaftigkeit seiner selbst - wie auch zur Naturhaftigkeit seines Gegenstandes - gebrochen.
Der Leib ist kritisch überwunden durch die Anstrengung, ihn als brauchbares und nützliches Instrumentarium der Erkenntnisgewinnung zu rekonstruieren. Leibfreie Naturerkenntnis ist möglich geworden - in Gestalt instrumenteller Messung und Experimentation.  Die Sinne sollen, wie das Denken, nach strengen Regeln beherrscht werden."

"Die Abwehrformationen, die der Zwangscharakter einsetzt, zeigen eine deutliche Verwandtschaft zu den Strukturen einer wissenschaftlichen »Rationalität«, der die etablierte Psychologie verfallen ist."

„Die Ritualisierung des Denkens und Verhaltens, der Zwangscharaktere verfallen sind, läßt sich im Wissenschaftsbetrieb unschwer auffinden. Hier kann sie, besonders in Verbindung mit der Überbetonung des Methodischen, dazu dienen, es verunsichernde, unreglementierte Denken und Verhalten auszutreiben.”

„Wo dem Denken Realität nur dann als begriffen erscheint, wenn man sie quantifizierbar machen kann, kann man es zur Abwehr der Beschäftigung mit bedrohlichen Qualitäten einsetzen.”
 
Unter der Diktatur des Quantitativen

„Die Dominanz quantitativen Denkens im Wissenschaftsbetrieb entspricht einer gesellschaftlichen Realität, in der das Quantitative auf sehr fragwürdige Art Macht über die Menschen erlangt.”

„Eine an der Mathematik orientierte, quantitativ ausgerichtete Wissenschaft setzt sich historisch erst in Verbindung mit einer Geldwirtschaft, mit einem Warenmarkt und schließlich mit der kapitalistischen Warenproduktion durch”

„Das Handelskapital, mit seiner spezifischen Rechenhaftigkeit, prägt entscheidend die Lebensformen. Sein Einfluß reicht bis ins wissenschaftliche Denken.”

„Mit dem Warentausch sind bestimmte Abstraktionsprozesse verbunden, es wird vom Qualitativen abstrahiert, um zu quantitativen Größen zu gelangen. Werden Waren auf dem Markt durch die Vermittlung von Geld getauscht, so kann dabei von der besonderen Qualität einzelner Gegenstände abstrahiert werden, weil es einen allgemeinen, abstrakten Generalnenner gibt, um ihren Wert zu messen.”

„Alle Lebensäußerungen werden immer mehr dem Zahlenmäßigen unterworfen: Im Betrieb regiert der Profit, in der Schule die Zensur, bei den Leibesübungen in der Freizeit der Rekord.” 

„Die Zahlenmagie hilft die Austreibung des kritischen Denkens zu legitimieren. Quantitative sozialwissenschaftliche Methoden würden in einer besseren Gesellschaft allenfalls noch im Dienst von notwendigen sozialen Planungen im Reich politischer und ökonomischer Notwendigkeiten zum Zuge kommen. In einer freieren Gesellschaft würde sich die Qualität, die Vielfalt und die Offenheit menschlicher Möglichkeiten so entfalten, daß sie von quantitativen Verfahren kaum noch erreicht werden könnte. Das quantifizierende Denken würde erst dann seine lähmende, blinde Macht über das Bewußtsein verlieren und zum angemessenen Instrument der Planung werden, dem in der Wissenschaft allenfalls ein untergeordneter Stellenwert zukäme, wenn das Diktat gesellschaftlicher Mächte gebrochen würde, deren undurchschauter Glorifizierung es dient.”
 
aus dem zweiten Teil Utopie und Wirklichkeit der Universität

(wird  irgendwann ergänzt)
 
Eine "weibliche" Physik  / Fremdtexte / Vinnai, G.