| 1. Zur Person |
Frank J. Tipler ist Physikprofessor in den USA. Es ist äußerst spannend zu sehen, was so ein Physikprofessor im Land der unbegrenzten Möglichkeiten für eine "Lehrfreiheit" genießt. |
|
| 2. Leben auf Physik reduziert - das bedeutet, daß Autos leben |
Es mag auf den ersten Blick etwas erstaunlich wirken, doch die von Tipler beschriebene physikalische Seite des Lebens als Informationsweitergabe ist bedenkenswert. Unter anderem schließt diese Definition Autos als Lebewesen ein und macht so deutlich, daß die buddhistisch-asiatische Nicht-Trennung in Leben-Nichtleben auch in unserer Vorstellungswelt möglich ist.
Hier der Text:
S. 165:
„Leben ist durch natürliche Auslese bewahrte Information.“
„Jeder Versuch, Leben auf Physik zu reduzieren, wird unweigerlich zu diesem Ergebnis führen.“
und:
„Bei menschlichen Aktivitäten wie Zuhören, Genießen, Nachdenken, Beten und Lieben handelt es sich um geistige Aktivitäten, die einer geistigen Aktivität im Gehirn entsprechen. Mit anderen Worten: Auf physikalischer Ebene handelt es sich um Informationsverarbeitung und um nichts sonst.“
S. 164 - die folgenden Zitate sind ein fortlaufender Text. Ich unterbreche ihn nur gelegentlich mit meinen Kommentaren in kursiver Schrift:
Eigentlich geht es um Muster-Übertragung, bei der das Substrat gegenüber dem Muster unwesentlich ist:
„Muster“ - so Tipler sinngemäß - wurden z.B. in der Entwicklung der Welt von den Metallkristallen auf ein anderes Substrat (Kohlenstoffmoleküle) übertragen,
„Wichtig ist nicht das Substrat, sondern das Muster, und Muster ist nur ein anderer Name für Information.
Doch ist Leben natürlich kein statisches Muster. Vielmehr handelt es sich um ein dynamisches Muster, das in der Zeit fortdauert, mithin um einen Prozeß. Aber nicht alle Prozesse „leben“. Das wichtigste Merkmal „lebender“ Muster ist, daß ihre Fortdauer auf einem Feedback mit ihrer Umgebung beruht: Die in dem Muster codierte Information variiert ständig, aber diese Varianz wird durch das Feedback auf eine enge Bandbreite eingeschränkt. Leben ist folglich, wie bereits erwähnt, durch natürliche Auslese bewahrte Information. (Hervorhebungen von mir - B. K.)
Einige Folgen, die sich aus dieser Definition von Leben ergeben, leuchten nicht ohne weiteres ein. 1986 wiesen John Barrow und ich darauf hin, dies bedeute unter anderem, daß Autos leben. Sie reproduzieren sich in Automobilfabriken und bedienen sich dabei menschlicher Mechaniker. Zugegeben, ihre Reproduktion ist nicht autonom; sie brauchen eine Fabrik außerhalb ihrer selbst.
|
|
| 3. Produktion männlicher Babys |
(Fortsetzung des Zitats ohne Unterbrechung)
Das gleiche gilt für männliche Menschen: Zur Produktion eines Babys brauchen sie eine externe biochemische Fabrik, genannt „Gebärmutter“. Zugegeben, für ihre Reproduktion brauchen sie (jetzt meint er offensichtlich wieder die Autos) eine andere lebende Spezies. Aber dies gilt auch für die Reproduktion von blütentragenden Pflanzen: Sie benutzen Bienen zu ihrer Befruchtung und Tiere, um ihre Samen zu verbreiten."
Mein Kommentar:
Das ist das moderne Frauenbild eines modernen Wissenschaftlers: die Frau ist als externe biochemische Fabrik zur Reproduktion des männlichen Menschen brauchbar. Und eigentlich ist das ganze Drumrum offensichtlich ein notwendiges Übel für das Funktionieren der Fabrik, genannt „Gebärmutter“.
Wann wurde doch gleich die weibliche Eizelle entdeckt bzw. nachgewiesen - vor ungefähr 150 Jahren? Seitdem müßte eigentlich klar sein, daß die Frau nicht nur der „Boden für den männlichen Samen“ ist, aus dem dann neuer Boden (weibliches Baby) oder neuer Mensch (männliches Baby) erwachsen kann.
Eine Umkehrung dieser männlichen Sichtweise ergibt zwar keine weibliche Sichtweise, würde aber bedeuten, daß Frauen heutzutage zu ihrer Vermehrung nicht einmal mehr den männlichen Samen benötigen. Das wäre aus ökonomischer Sicht sehr interessant: die Samenproduktion ist sehr, sehr teuer. (Was kosten Kriege, Waffen, überschnelle Autos, Bier, Schlägereien usw. eigentlich?) Die heutige Reproduktionsmedizin ist doch durchaus in der Lage, aus dem Erbgut einer zweiten Frau eine Eizelle zu befruchten, oder?
Die weiblich-mütterliche Sichtweise käme nie auf so einen Quatsch: Frauen brauchen Männer nicht nur als Samenspender, Mütter wollen auch Söhne. |
|
| 4. Der "Kampf ums Dasein" der Autos |
„Die Form von Automobilen in ihrer Umgebung ist das Ergebnis natürlicher Auslese: Zwischen den verschiedenen „Auto-Rassen“ herrscht erbitterter Existenzkampf. Japanische und europäische Autos kämpfen mit amerikanischen um die knappen Ressourcen - Geld für den jeweiligen Hersteller - und dieser Konkurrenzkampf wird dazu führen, daß entweder mehr amerikanische oder mehr japanische oder mehr europäische Autos gebaut werden. Gemäß meiner Definition von Leben sind nicht nur Autos, sondern alle Maschinen - insbesondere Computer - lebende Wesen (obwohl Autos natürlich keine „Personen“ sind).“
Noch ein Kommentar sei erlaubt:
Wenn man nicht den Existenzkampf sondern das gemeinsame Streben nach Vervollkommnung als Blickrichtung wählt, wenn man dann noch beachtet, daß bestimmt nicht PKWs und LKWs gegeneinander konkurrieren, daß es selbst bei PKWs verschiedene Modelle für verschiedene Bedürfnisse geben sollte, dann kann man natürlich auch einmal leise anfragen, ob das Streben der Hersteller nach Vervollkommnung ihrer Modelle auch ganz ohne Konkurrenzkampf - einfach mit einer besseren Kopplung zu den Kunden-Interessen - möglich wäre ...
Auch dieser Kommentar ist ein Versuch, einer männlichen Sichtweise eine weibliche entgegenzustellen. |
|
| 5. Sex im Himmel |
S. 314 ff:
„Meine Studenten - hauptsächlich unverheiratete junge Männer - fragen mich oft: »Gibt es im Himmel Sex?« .... Ja, wer Sex wünscht, wird ihn haben. Diese Konsequenz der agape steht im deutlichen Widerspruch zur Himmelsvorstellung der akademischen Theologen, die offenbar der Ansicht sind, daß dem Menschen nach dem Tode nur geistige Genüsse gestattet seien. ...
Die Probleme allerdings, die Sex in unserem derzeitigen Leben mit sich bringt, werden uns nach der Auferstehung erspart bleiben. Die Schwierigkeiten der gegenwärtigen Menschen, einen Liebespartner zu finden, gehen darauf zurück, daß der Sex- / Heiratsmarkt ein durch lange Zeiten der Suche und hohe Transaktionskosten geprägtes Tauschgeschäft ist. Die wiedererweckten Menschen werden dieses Problems enthoben sein, denn der Omegapunkt kann Partner zusammenbringen, die zueinander passen .... Um es (für unverheiratete Männer) drastisch auszudrücken: Jeder Mann könnte sich nicht nur mit der schönsten Frau der Welt paaren, nicht nur mit der schönsten Frau, die je gelebt hat, sondern sogar mit der schönsten Frau, deren Existenz logisch möglich ist. Denn das Erscheinungsbild des auferweckten Körpers ist wandlungsfähig, und deshalb wäre es dem Omegapunkt ein leichtes, dafür zu sorgen, daß besagter Mann ebenfalls der hübscheste (oder begehrenswerteste) Mann für die schönste Frau wäre .... Dieses Erfordernis muß notwendigerweise erfüllt werden, denn aus der Sicht des Omegapunktes zählen die Wünsche von Männern und Frauen gleichermaßen... Die Wirkung nimmt sogar noch erheblich zu, wenn wir zusätzlich zur äußeren Erscheinung die Persönlichkeit berücksichtigen, aber selbst ohne diesen Zusatz wäre der Effekt größer, als das menschlich Nervensystem verkraften könnte. .... Das Prinzip der Nichtbefriedigung wird bei wiedererweckten Menschen nicht mehr gelten.“
|
|
| |
Was es mit dem "Omega-Punkt" tatsächlich auf sich hat, ist zu erfahren in Teilhard de Chardins Buch: "Der Mensch im Kosmos", in dem er eine umfassende Evolutions-Theorie vorstellt, die auch die kosmische und die geistige Entwicklung einbezieht. Im Unterschied zu den üblichen Vorstellungen von Evolution als ziellosem Zufallsprozeß hat der Jesuit und Wissenschaftler Teilhard de Chardin jedoch die Zielgerichtetheit dieser Evolution (Schöpfung durch Evolution) für möglich gehalten.
Für diesen Versuch, Wissenschaft und Theologie wieder anzunähern, erhielt er vom Vatikan Veröffentlichungsverbot. Sein Buch erschien erst nach seinem Tod.
Hier nur so viel: Tipler hat die Idee bei Pierre Teilhard de Chardin geklaut und der würde sich im Grab umdrehen vor Entsetzen, wenn er sehen könnte, wie man seine Idee so verhunzt. |
|
| 6. Wissenschaftliche Autoritäten |
S. 150 - dieses Zitat ist zwar aus dem Zusammenhang gerissen, aber dadurch wird der Inhalt der Aussage nicht entstellt:
„Einen Wissenschaftler, der die von seinen Kollegen geteilten Ansichten übernimmt - wie falsch sie auch sein mögen - , kann man kaum der Unwissenschaftlichkeit zeihen.“ |
|
|