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Walter Ritz lebte von 1878 bis 1909, wurde also nur 31 Jahre alt. Er starb an Tuberkulose. Offenbar war auch er von geradezu begnadetem physikalischem Geist, voller Leidenschaft für die physikalische Weltsicht und mit präziser Logik ausgestattet. Er arbeitete auch mit Albert Einstein zusammen, mindestens eine gemeinsame Veröffentlichung ist das Ergebnis.
Ich beziehe mich hier nur auf seine oben genannte Arbeit und nur im Zusammenhang mit dem damaligen Stand der Zurückdrängung des Kontinuums (des Äther-Begriffs) aus der theoretischen Physik. Denn soviel ich aus dem Text entnehmen kann, lehnte Walter Ritz den Äther als Erklärungsmodell für einzelne Probleme der Struktur der Materie ab. Das tat er, indem er auf die Widersprüchlichkeit der sich aus dem Äther-Modell ergebenden Schlußfolgerungen hinwies.
Bei W. Ritz kann man sehr schön den "Bremer-Stadtmusikanten-Effekt" der Erkenntnis beobachten (bzw. den "Räuber"-Effekt aus diesem Märchen: der beschreibt den Vorgang in dem von den Tieren besetzten Haus mit "falschen" Begriffen, aber ansonsten völlig korrekt). |
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| 2. Der Ätherbegriff fällt in Ungnade |
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"Unter den wichtigsten und am allgemeinsten anerkannten physikalischen Theorien spielen zwei eine ganz besonders grundlegende Rolle: die Atom- und die Äther-hypothese. Beide wurzeln in metaphysischen Anfängen, die heute kaum noch Anhänger fänden, beide hatten im Lauf der Zeit wechselvolle Schicksale. In den letzten Jahren war indes ihr Bestehen vor der Kritik und der Erfahrung ein ungleiches. Von größter Fruchtbarkeit war fast in allen Gebieten der Physik und Chemie der Atombegriff, der neuestens durch die Entwicklung der Ionen- und Elektronentheorie Triumphe feierte, daß wir die elektrischen Ladungen der Atome fast mit Händen greifen. Dagegen scheint man von der Philosophie her der Atomtheorie ihre etwas zweifelhafte Herkunft noch nicht ganz verzeihen zu wollen. So behandelt sie Ostwald 1) mit einer Strenge, die er gegenüber andern Dingen, etwa dem Ätherbegriff, vermissen läßt. An diesem letzterem hinwiederum hat die Kritik kaum Anstand genommen. Der Erfolg der Wellentheorie des Lichtes, insbesondere in der Maxwell'schen Fassung, hat jede Kritik zum Verstummen gebracht, und die Frage, in wieweit dieser an sich bestimmt wichtige Begriff beim heutigen Zustand der Theorie auch unabhängig von dieser besonderen Form gefordert wird, ist kaum gestellt worden. Und doch zeigt schon ein kurzer geschichtlicher Überblick, wie wenig der Ätherbegriff die heute allseitig genossene Gunst verdient.
Der Äther hat philosophische Ursprünge und ist erst durch Huygens, den Schöpfer der Wellentheorie des Lichts, in die Physik eingeführt worden. Zu jener Zeit war er eines neben vielen ähnlichen Fluiden (das magnetische, das elektrische, das Wärmefluidum usw.), das von den Physikern sicher ohne Widerstreben geschluckt worden wäre - wäre nicht die Autorität Newton's dazwischengetreten, der für lange Zeit der Emanationstheorie des Lichtes zum Sieg verhalf...."
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Aus der Einleitung der Arbeit - der erste Abschnitt
(Hervorhebungen von mir - B. K.)
Die Zitate sind aus dem Text in Reihenfolge entnommen, jedoch ist es ohne Seitenzahlen schwer, genauere Angaben zu machen.
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| 3. Andere Vorstellungen vom Äther und seiner Struktur - der teilchenfreien |
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Im Zusammenhang mit der Vorstellung eines elastischen Äthers schreibt er: |
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"Jedoch gab Lord Kelvin diese Hypothese auf zugunsten einer verfeinerten, nämlich der Annahme eines gyrostatischen Äthers, und zwar hat ihn wohl die von Maxwell entdeckte Übereinstimmung zwischen den Lichterscheinungen und den elektrischen Schwingungen dazu bewogen."
"Für ruhende, stromdurchflossene Körper hat Maxwell selber eine solche Erklärung gegeben; daß er aber dem Äther eine äußerst verwickelte Struktur geben mußte, ist mehr als ein Hinweis auf die Schwierigkeit der Frage, denn als eine Lösung zu werten." |
Der "gyrostatische Äther" ist nichts anderes als die Vorstellung von Äther-Wirbeln. |
| 4. Der gesunde Menschenverstand möge zurückschrecken vor folgender Bemerkung: |
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"Ich übergehe dabei, wohlverstanden, die geistreichen und gesuchten Mechanismen zur Deutung dieses oder jenes Sonderfalles, auch die allgemeinen Überlegungen, in denen sinnenhaft nicht wahrnehmbare Massen auftreten, deren genaue Bewegung nicht angegeben wird, da es angeblich nur auf ihre kinetische und potentielle Energie ankomme." |
Gut, Walter Ritz will mit diesen Denkgebilden auch nichts zu tun haben. Doch man möge einmal bedenken, was da eigentlich
gesagt wird.. |
| 5. Ist der Äther ewig oder ist er vergänglich? |
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"Ist der Äther nicht zusammendrückbar - eine der beiden in der Optik zulässigen Annahmen - so wird ihn dieser Druck nicht beeinflussen. Ist er dagegen - nach der Annahme von Lord Kelvin - unendlich kompressibel, so wird sich ein ständiger Ätherfluß radial einstellen und es muß auf die Unzerstörbarkeit des Äthers verzichtet werden. Soll man, wie in der Optik, zu Gliedern höherer Ordnung Zuflucht nehmen? Solche Glieder können hier nicht mehr als vernachlässigbar gelten, weil gerade von ihnen die Erscheinungen abhängen; wir würden uns also in Widerspruch zu den elektrischen Gesetzen begeben, welche solche Glieder nicht zulassen. Poincaré (Electricité et optique, Paris 1901) hat den allgemeinen Charakter dieser Schwierigkeiten deutlich herausgestellt, und deren Lösung blieb aus, selbst in der Larmor'schen Theorie, Diese letztere beruht auf der Annahme eines gyrostatischen Äthers, die eine kurze Erörterung verdient. Wenn ein Apparat eine in schnelle Umdrehung versetzte Masse enthält, so sucht er bekanntlich seine Richtung zu bewahren und bietet der Hand, die seine Richtung zu ändern sucht, einen Widerstand. Ebenso widersteht ein Kreisel der Schwerkraft, die ihn erst dann zu Boden zieht, wenn er durch Reibung genügend von seiner Rotationsgeschwindigkeit verloren hat. Nehmen wir eine solche rotierende Masse in jedem Volumenelement des Äthers an, so wird ein solches einer Richtungsänderung einen gewissen Widerstand leisten, genau das, was die Optik braucht, wenn man auf die Inkompressibilität verzichtet. |
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Diesen genialen Gedanken hat Larmor auf die elektrischen Erscheinungen angewandt, ohne aber mit allen Schwierigkeiten fertig zu werden (Poincaré a. a. 0.), und unersichtlich bleibt, wie sich der Begriff der elektrischen Ladung aus solchen Überlegungen ergibt - man wolle denn auf die Unzerstörbarkeit des Äthers verzichten. Es ist tatsächlich bemerkenswert, daß man, wenn man die Materie als eine ständige Quelle oder Versickerungsstelle von Äther auffaßt, mit Riemann (dessen Untersuchungen Brill wiederaufnahm) zu einer hydrostatischen Erklärung der in der Elektrostatik und Gravitation auftretenden Anziehungen und Abstoßungen kommt, Aber das Wort Erklärung ist hier fehl am Platz: es handelt sich hier bestenfalls um eine Entsprechung. |
(Das ist noch einmal das Zitat, wie ich es auch in der "Struktur der Materie" auf der Seite " Vielfalt" erwähnt habe.) |
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