1. Descartes "verzweifelte" Wirbeltheorie im Abschnitt "Descartes Naturphilosophie"
(S. 19889 - 19899 in der digitbib - CD ) |
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| Descartes Weltbild und Sprachinstinkt |
Das Weltbild des
Descartes ist nicht mit Poetenaugen gesehen, wie das
von Giordano Bruno, ist nüchtern, fast logisch, aber
darum nicht minder grandios und einheitlich. Mir ist
es hier darum zu tun, nur einen einzigen Zug dieses
Weltbildes herauszuheben, die Darstellung der Entstehung des Planetensystems; weil mir dieser eine Zug
ein vortreffliches Beispiel zu sein scheint für die Art,
wie ein freier Geist von der Kirche zu heuchlerischen
Umwegen, um nicht zu sagen: zur Lüge, gedrängt
wurde. Wobei der Kirche wiederum zugute kommen
mag, daß Descartes eine ängstliche Natur war und
vielleicht doch auch innerlich zwischen Skeptizismus
und irgendeinem Glauben schwankte.
Für uns ist es besonders interessant, Descartes'
Mißtrauen gegen die Sprache an seiner dominierenden Neigung, die die Welt mechanistisch erklären wollte, zu prüfen; seine tiefsten Überzeugungen wurzeln da,
ohne daß er den Widerspruch zwischen Sprachkritik
und Materialismus fühlte.
Für Descartes' feinen Sprachinstinkt würde es
schon sprechen, daß er (fünfzig Jahre vor Thomasius,
der durch die Einführung deutscher Vorlesungen berühmt blieb) einige seiner Werke in französischer
Sprache schrieb, anstatt in dem hergebrachten Latein.
Er machte sich auch nichts aus der gelehrten Erziehung, die sein Vater ihm hatte werden lassen; er hätte
sonst eben - meinte er - alle seine Werke französisch
geschrieben.
Sind solche Äußerungen nur überliefert, so sagt
Descartes selbst am Ende seines »Discours de la méthode« (OEuvres 1.): »Si j'écris en français, qui est la
langue de mon pays, plustôt qu'en latin, qui est celle
de mes précepteurs, c'est a cause que j'espère que
ceux qui ne se servent que de leur raison naturelle
toute pure jugeront mieux de mes opinions que ceux
qui ne croient qu'aux livres anciens; et pour ceux qui
joignent le bon sens avec l'étude, lesquels je souhaite
pour mer juges, ils ne seront point, je m'assure, si partiaux pour le latin, qu'ils refusent d'entendre mes raisons pour ce que je les explique en langue vulgaire.«
Ein geistreicher Vergleich (in einem Brief an Chanut, den französischen Botschafter in Stockholm, der
ihm bei der Königin von Schweden nützen sollte) läßt
noch besser erraten, wie modern Descartes über den
Wert der Sprache zu denken imstande war. Er
schreibt: »Ich habe niemals den Ehrgeiz besessen, die
Bekanntschaft hochgestellter Personen zu machen« (er lügt), »und wäre ich so klug gewesen, wie nach
dem Glauben von Wilden die Affen sind, so würde
kein Mensch wissen, daß ich Bücher schreibe. Die
Wilden nämlich - sagt man - glauben, die Affen
könnten sprechen, wenn sie wollten, sie täten es aber
absichtlich nicht, um nicht zum Arbeiten gezwungen
werden zu können. Ich bin nicht so klug gewesen, das
Schreiben zu unterlassen; darum habe ich nicht so
viel Ruhe, als ich durch Schweigen erhalten hätte.«
Tiefer in das Wesen dringt Descartes, wenn auch
völlig unbewußt, mit gelegentlichen Äußerungen über
Dinge, die alle Sprachgebiete berühren.
Über die landläufige Logik denkt er völlig frei; sie
(die Dialektik) sei zur Erforschung der Wahrheit unnützlich, sie könne nur zur Mitteilung dienen, ihr gebühre darum ein Platz nicht in der Philosophie, sondern in der Rhetorik.
Er ist noch nicht so reif wie Spinoza, der den
Zweckbegriff, die Teleololgie, in der Natur einfach
leugnet; Descartes zieht noch Schlüsse aus der Unerforschlichkeit Gottes; aber auch so kommt er dazu,
die Zweckbegriffe für unerkennbar, also für unanwendbar zu erklären und die philosophische Sprache
von einer ganzen Rumpelkammer toter Symbole zu
befreien. Er hält in der Physik die Berufung auf besondre Kräfte (was wir jetzt noch sehr wortabergläubisch Kohäsionskraft und Schwerkraft nennen) für
scholastisch und sagt einmal, er, Descartes, der Erfinder der analytischen Geometrie: »Ich habe niemals
das Unendliche behandelt, es sei denn, mich ihm unterzuordnen; und habe nie zu bestimmen versucht,
was es sei und was es nicht sei.«
So wirkte Descartes wie ein echter Philosoph,
sprachreinigend da und dort, und näherte sich darum
mitunter dem erlösenden Gedanken, daß die Irrtümer
der Menschen (ich würde sagen: die Unmöglichkeit
der Erkenntnis) den Mängeln der Sprache zuzuschreiben seien. Ja, Descartes hatte das bewußte Streben,
die Wortfetische auzumerzen, die anthropomorphische Belebung der toten Materie zu tadeln. Am ausführlichsten hat er sich über den Unwert der Sprache
in seinen »Prinzipien« geäußert; nachdem er als die
drei Hauptquellen unsrer Irrtümer bezeichnet hat: die
Vorurteile, die uns in der Jugend eingeflößt worden
sind, unsre Unfähigkeit, die Vorurteile später zu vergessen, die Gewohnheit, selbst die den Sinnen vorliegenden Gegenstände nach vorgefaßten Meinungen zu
beurteilen, - fährt er (I. 74) damit fort, es die vierte
Quelle zu nennen, daß wir unsre Vorstellungen in
Worten festhalten, die den Dingen nicht genau entsprechen: »Et denique propter loquelae usum, conceptus omnes nostros verbis, quibus eos exprimimus, alligamus, nec eos nisi simul cum istis verbis memoriae
mandamus; cumque facilius postea verborum quam
rerum recordemur, vix unquam ullius rei conceptum
habemus tarn distinctum, ut illum ab omni verborum
conceptu separemus: cogitationesque hominum fere
omnium, circa verba magis, quam circa res versantur;
adeo ut persaepe vocibus non intellectis praebeant assensum, quia putant se illas olim intellexisse, vel ab
aliis qui eas recte intelligebant accepisse. Quae
omnia, quamvis accurate hic tradi non possint, quia
natura humani corporis nondum fuit exposita necdum
probatum est ullum corpus existere videntur tamen
satis posse intelligi, ut juvent ad claros et distinctos
conceptus ab obscuris et confusis dignoscendos.«
Und dieser kühne Geist unterwirft sich überall den
Aussprüchen der Kirche, in fast übertriebener Weise,
wie schon Bossuet, wie mir scheint, hervorheben
wollte. Die Wahrhaftigkeit, die Allmacht, die Weisheit Gottes muß da und dort in das mechanistische
System hinein; und es ist kaum zu glauben, daß Descartes auch diesen Widerspruch nicht als solchen
empfunden haben sollte. Er scheut nicht nur den Feuertod, den Vanini noch 1619, Bruno zwanzig Jahre
früher zu leiden hatten, er scheut auch - das Wort ist
von Goethe - das »Halbmartyrium« Galileis.
Wie er sich windet und den Begriffen der Sprache
Gewalt antut, um den Forderungen der Kirche entsprechen und dennoch seine Ideen vortragen zu können, das hätte sich auch an seiner berüchtigten Lehre,
die Tiere seien Maschinen, aufzeigen lassen. Die äußerste Konsequenz seines mechanischen Systems
hätte ja dazu führen müssen, schon hundert Jahre vor
Lamettrie auch die Menschen für Maschinen zu erklären. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß er das
eigentlich sagen wollte, nicht zu sagen wagte und
darum wenigstens die Tiere Maschinen nannte. Was
uns dabei empört, ist nicht die Anwendung des Wortes Maschine auf die Psychologie und auf die (von
Descartes gut beobachteten) Reflexbewegungen, sondern die ganz theologische Unterscheidung zwischen
Mensch und Tier, der anthropozentrische Standpunkt.
Wer aber könnte mit Sicherheit sagen, ob Descartes
nicht doch in einem Winkel seines Herzens an das
göttliche Wesen der Menschenseele glaubte? |
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| Wirbeltheorie als leere Worthülse für die Kirche? |
Viel deutlicher kommt die Rücksicht auf die Kirche
bei seiner einst berühmten Wirbeltheorie heraus, mit
der er die Entstehung unsres Planetensystems erklärte.
Nur daß wieder niemand sagen könnte, wie weit Descartes sich dabei bewußt war, der dummen Kirche
eine leere Worthülse zum Spielen hinzuwerfen.
Um es nur kurz anzudeuten: Descartes wußte schon
ganz gut, daß die Lehren des Kopernikus die Wahrheit sagten. Er geht (im dritten Buche seiner Prinzipien) über die alte Hypothese des Ptolemäos verächtlich
hinweg, nennt darauf freilich auch die Lehre des Kopernikus ebenfalls eine Hypothese, aber schwerlich
aus Mißtrauen, sondern um sich eine Hintertür offen
zu lassen; der Papst hatte ja dem Galilei zuerst nur
befohlen, die Lehre des Kopernikus nicht als Wissenschaft, sondern als Möglichkeit vorzutragen; das tat
nun Descartes ungeheißen. Nur leider tat er mit seinen Wirbeln noch mehr.
Die Sachlage war für ihn klar genug. Bis zu seiner
Zeit hatte man angenommen, die Erde mit ihren Menschen sei Zweck und Angelpunkt der Welt, der Himmel mit seinen Sternen (auch der Sonne) bewege sich
um die Erde. Nur die Planetenbewegungen machten
Schwierigkeiten, weil sie scheinbar so kraus waren;
alles andre stimmte anscheinend. Nun hatte Kopernikus sachte diese uralte Weltanschauung umgeworfen.
Die Sonne sollte den Angel- und Mittelpunkt abgeben
und die Erde sich (wie die andren Planeten auch) nach
festen Gesetzen um die Sonne bewegen. Sofort ahnten
weitblickende Männer, daß durch diesen neuen Weltenplan die Götter obdachlos gemacht würden. Auch
Descartes zog wohl diesen Schluß. Nicht umsonst leitet er seine Darstellung (Princ. III. 3) damit ein, daß er sagt: »es wäre lächerlich und albern (ridiculum et
ineptum), in den natürlichen Dingen vorauszusetzen,
sie seien um des Menschen willen geschaffen«.
Das widersprach dem Bibelwort; aber so fein hört
die Kirche nicht hin. Die Kirche nahm nur Ärgernis
an der äußerlichen Lehre von der Bewegung der Erde. Die Astronomen sollten ihr zuliebe ein Kompromiß eingehen, die neuen Berechnungen des Kopernikus
teilweise gelten, aber die Erde dennoch still stehen
lassen. Tycho de Brahe beugte sich unter diesem Joch.
Er trägt heuchlerisch - es kann ihm, dem Meister der
Beobachtung, der schon seiner nährenden Astrologie
skeptisch gegenüberstand (dem närrischen Töchterlein der Astronomie, wie Kepler sie nannte) und von
den Horoskopen sagte, daß sie korrigierbar wären,
nicht ganz ernst gewesen sein - eine verwirrte Lehre
vor, nach der zwar alle andern Planeten sich kopernikanisch um die Sonne bewegten, aber dann mit der
Sonne um die Erde, eine gäozentrisch-anthropozentrische Lehre. So schamlos war
Descartes nicht. Er bog nicht die Beobachtungen
krumm, sondern die Worte; Brahe hatte das Wertvolle
gefälscht, der Kirche zu Gefallen, Descartes fälschte
das Wertlose, das Wort. Nur daß er - wäre seine
Sprache durchgedrungen - die Erkenntnis noch mehr
als Brahe verwirrt hätte. |
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| Bewegung ist relativ |
Descartes tiftelte an dem Worte Bewegung so lange
herum, bis er das Abracadabra sagen konnte, Kopernikus habe recht, aber die Erde bewege sich dennoch
nicht. Ich glaube nicht, daß dieser Mißbrauch der
Sprache schon an den Pranger gestellt worden ist. Er
sagt (III. 28): Da alle Bewegung etwas Relatives sei,»so könne man sagen, dieselbe Sache sei zugleich bewegt und unbewegt, je nachdem man ihren Ort verschieden bestimme. Daraus folge, daß weder die Erde
noch die andern Planeten (er nennt die Erde also
einen Planeten) eigentlich (proprie dictum) Bewegung
habe, weil sie nicht aus der Nachbarschaft des ihnen
unmittelbar anstoßenden Himmelsraumes
fortbewegt würden«. Nach diesem Sophisma fährt er
fort: »Nach dem Sprachgebrauch (juxta usum vulgi)
kann man nicht sagen, die Erde bewege sich gleich
den übrigen Planeten. Denn wir sind gewohnt, nach
den festen Punkten der Erde die Örter der Sterne zu
bestimmen... Wenn aber ein Philosoph, der die Erde
als eine Kugel in ihrem flüssigen« (d.h. wohl gasförmigen) »und bewegten Himmelsraume voraussetzt,
von der Sonne und den Fixsternen (die zueinander
immer die gleiche Lage bewahren) als von unbewegten Körpern spricht, um durch sie die Lage der Erde
bestimmen zu können, und dann von der Erde sagt,
daß sie sich bewege, so spricht er Unsinn. Denn wissenschaftlich darf der Ort« (der astronomische Ort natürlich) »nicht durch sehr entfernte Körper bestimmt
werden, wie doch die Fixsterne sind, sondern durch
die Nachbargegenstände desjenigen Körpers, den man
bewegt nennt«. |
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| Die verzweifelte Wirbeltheorie |
So weit konnte sich der Begründer der analytischen
Geometrie vergessen aus Angst vor der Kirche. Er erfand die Wirbelbewegungen des die Planeten umgebenden Himmelsraumes und glaubte dann sagen zu
können, daß sich wohl diese Wirbel bewegten, nicht
aber die Planeten in ihnen. So könnte jedes Kind die
Sprache fälschen und sophistisch sagen, es komme
von Hamburg nach New-York, ohne daß es sich bewege; nur das Schiff bewege sich. Nimmt man aber
den umgebenden Himmelsraum, die Atmosphäre, als
zur Erde gehörig an, was dann? |
Das Beispiel vom Schiff und Passagier greife ich in Physik > Bewegung auf |
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Der Vorwurf also, der gegen Descartes zu erheben
ist, betrifft nicht die Aufstellung der verzweifelten
Wirbeltheorie, sondern vielmehr die Inkonsequenz in
der Behandlung der Erde und der übrigen Planeten.
Der große Zug an Descartes war, sehr wohl vereinbar
mit seinem Faustischen Zweifel an aller Philosophie,
der Wunsch oder das Kraftgefühl, ein einheitliches
mechanistisches Weltbild zu erfinden; ein kleinlicher
Zug an ihm, sehr wohl vereinbar mit seiner Scheu vor
der Kirche, war eine gewisse Originalitätsucht. So
konnte der Mann, der bereits die Konstanz der Materie und die Konstanz der Bewegungsenergie gegen die
herrschenden Aristoteliker lehrte - natürlich in der
Sprache seiner Zeit -, der bereits Wärme und Licht
als Wirkungen der Bewegung auffaßte, der Wärme-
und Lichtsubstanzen leugnete, gar wohl dazu kommen, die Entstehung des Planetensystems durch die
Wirbel zu erklären. Im Grunde ist die apriorische
Physik des Himmels, wie Descartes sie lehrte, von der
Theorie des Himmels, die heute noch beinahe wie von
Kant vorgetragen wird, nicht gar so verschieden; nur
daß Kant auf Newton weiterbauen konnte und daß Newton sowohl als Mathematiker wie als Philosoph
den Descartes überragte. Trotz alledem wäre das mechanistische Weltbild des Descartes ein historisches
Denkmal von imponierender Größe, wenn er die Konsequenz nicht selbst zerstört, wenn er nicht die Bewegung der Erde in seiner Darstellung sozusagen umgebogen hätte. Der christgläubige Newton war freier als
der Zweifler Descartes. Descartes steckte mit seinen
Gefühlen noch tief im Mittelalter; er war lange nicht
so frei oder lange nicht so ehrlich, wie Kuno Fischer
uns glauben machen will; die kleine Skizze, die Goethe (Geschichte der Farbenlehre) von Descartes entworfen hat, gibt ein richtigeres Bild als das Buch
Kuno Fischers. |
Einen Ausschnitt aus diesem Zitat habe ich verwendet in Kelvin |
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