"Maxwell ließ sich zunächst von Thomsons Ansatz leiten, als er das Problem des Elektromagnetismus anging. Er untersuchte die mathematischen Beziehungen zwischen elektrischen Kraftlinien und Strömungen in einer Art Flüssigkeit — in
einem spekulativen
Fludium, das sich unendlich weit ausdehnen sollte. Maxwell stellte sich vor. daß Fludium von den elektrischen Ladungen eines Vorzeichens zu Ladungen entgegengesetzten Vorzeichens strömt. Indem er die auftretenden Drücke bestimmte, konnte er präzise die Anziehung und Abstoßung zwischen den Ladungen ausrechnen. Auch für den Magnetismus fand er eine ähnliche Analogie. Aber bei der elektromagnetischen Induktion konnte Maxwell keinen plausiblen Strömungsmechanismus finden. Er setzte daher einfach fest. daß seine Strömungslinien sich in einer Weise verhielten, die das Faradaysche Induktionsgesetz erfüllte. Der Bereich elektromagnetischer Phänomene, den Maxwell mit seinem neuen mathematischen Ansatz erfaßte, war enorm. Seine mathematische Analogie befand sich aber noch im Stadium der Erprobung. Dazu äußerte er sich sehr deutlich in seiner Publikation
Ueber Faradays Kraftlinien:
„Ich bilde mir nicht ein. daß sie auch nur den Schatten einer wahren physikalischen Theorie enthalten; ihr Hauptverdienst als ein provisorisches Werkzeug zu weiteren Untersuchungen ist vielmehr, von jeder vorgefaßten Meinung frei zu sein.”
Auffällig ist, daß Maxwell - wie vor ihm auch Thomson - ein Medium betrachtete, das ein Pendant zu Faradays Feldvorstellung darstellt. Das Feld. also die dichtgedrängten Kraftlinien im Raum, hatte Faraday als grundlegend angesehen.
Jede Theorie, die an diese Vorstellung anknüpfen wollte, mußte von Feldern im leeren Raum handeln.
Maxwell wandte sich 1861 erneut dem Problem des Elektromagnetismus zu - etwa sechs Jahre, nachdem er die oben beschriebenen Untersuchungen durchgeführt hatte und erstmals mit Faraday zusammengetroffen war. Diesmal ging er über eine rein mathematische Analogie hinaus. Er entwarf das kühne mechanische Modell eines
Äthers, der mit den elektromagnetischen Phänomenen einhergeht und deren
Gesetzmäßigkeiten bedingt. Erinnern wir uns an Ørsteds Vorstellung. daß elektrische Ströme von einer Art magnetischem Wirbel umgeben sind. der Magnetnadeln zu bewegen vermag. Ampere war nach sorgfältigen Untersuchungen zu derSchlußfolgerung gelangt, daß Magnetismus ein Sekundäreffekt ist, der von elektrischen Kreisströmen herrührt. Es ist interessant. all dies mit Maxwells neuer Idee zu vergleichen. Er begann seine Untersuchung mit einer Betrachtung des reinen
Magnetismus. Wie Faraday und Thomson beschrieb auch Maxwell den Magnetismus als eine Rotation. Er veranschaulichte diese Rotation mit dem Begriff des Äthers, der aus
winzigen rotierenden
molekularen Wirbeln bestehen sollte; die magnetischen Kraftlinien sollten dann an jedem Ort längs der Rotationsachse des dortigen molekularen Wirbels liegen. Eine Umkehrung des Drehsinnes käme dann einer Umkehrung der Kraftlinienrichtung gleich. In seinen grundlegenden Annahmen unterschied sich Maxwell also von Ørsted, der weit ausgedehnte Wirbel um die elektrischen Ströme vermutet hatte. Von Ampere wich er dahingehend ab. daß er dem Magnetismus eine primäre Bedeutung beimaß und daß er die Vorstellung einer Fernwirkung ohne materielles Medium vermied, indem er das
Feldkonzept benutzte."