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31. 10. 2007 
Grundfragen der Physik,
neu gestellt und beantwortet von einer Frau
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Fremdtexte
Bleecken, S
 
Dr. Stefan Bleecken
über die Farbenlehre und das Wissenschaftskonzept J. W. v. Goethes


Auf der Website von Dr. Bleecken, einem 80jährigen Physiker aus Weimar, finden sich neben Darstellungen zur ach so verpönten Farbenlehre Goethes auch interessante Gedanken zu Goethes Wissenschaftskonzept. Dr. Bleecken ist im Sommer 2008 verstorben, so daß er seine Website nicht mehr vollenden konnte.
Ich gehe hier nur  nur auf diejenigen Gedanken seiner Website ein, die mir selbst besonders interessant und wichtig erschienen.  Es wird keine Übersicht über Goethes Erkenntnisse, es wird eher ein "Schnupperangebot". Vielleicht bekommen Sie ja Interesse, selbst mehr auf Dr. Bleeckens Website zu lesen bzw. sich einmal unvoreingenommen mit Goethes Erkenntnissen zu befassen:
www.stefan-bleecken.de - Mit Goethe und Aristoteles zurück zur Vernunft

Hier die Übersicht der Punkte, auf die ich mich beziehe:
  1. Wie ich auf Goethes Farbenlehre stieß
  2. Überraschungen beim Farbensehen
  3. Goethes Wissenschaftsverständnis
1. Wie ich auf Goethes Farbenlehre stieß
Erste Information
Erst in den 90er Jahren hörte ich überhaupt davon, daß Goethe auch eine Farbenlehre entwickelt hatte. Eine Malermeisterin versicherte mir, daß sie gar nicht anders arbeiten könne, als mit Hilfe der Goetheschen Erkenntnisse.

In der Brockhaus-Enzyklopädie im Suchbegriff "Farbenlehre" fand ich eine eigenartige Bemerkung:
"Goethes Farbenlehre ist eine unmathematische Morphologie, eine phänomenologische Betrachtung über die Farben als lebende Gestalten des Lichtes. Damit hat GOETHE bis heute nur wenige Anhänger gefunden."
Ich las damals in der 19. Auflage, zitiere hier aus der 20. Auflage (siehe Quellen - BDE)
Mein Kommentar
1. Wer nichts weiß von Goethes Farbenlehre, kann auch kein Anhänger oder Gegner dieser Lehre sein.
2. Die "wenigen" Anhänger sind ziemlich zahlreich (wachsend), wenn auch weniger unter Physikern zu finden.
3. Es gibt Leute (Physiker), die jeden, der auch nur einen Blick auf die Farbenlehrer wirft, beschimpfen: Mir persönlich wurden in einem Forum, das ich aus verständlichen Gründen hier nicht namentlich nenne,  u. a. bescheinigt, daß ich ein "geistiger Tiefflieger" sei, nur weil ich die Farbenlehre in einem anderen Forum erwähnt hatte.
4. In meinen Augen kann man das nur als "Diktatur der Goethe-Gegner" bezeichnen.
5. Ich denke, jeder sollte das Recht haben, sich ohne Gefahr, beschimpft zu werden, mit Goethes Farbenlehre zu befassen und dann selbst zu entscheiden, ob sie ihm wichtige Erkenntnisse vermitteln kann oder nicht.
 
Goethe ist doch salongfähig
Erfreut war ich, auf der Physikerinnentagung 2003 in Augsburg von einem Seminar der Uni Augsburg zu hören, in dem Physiker und Literaturwissenschaftler gemeinsam versuchten, sich dem Stiefkind beider Bereiche, der Goetheschen Farbenlehre anzunähern.
siehe auch den Seminarplan der Universität  Augsburg,
den ich hier vorstelle
 
2. Überraschungen beim Farbensehen
Der Blick durch ein Prisma
  Der wichtigste  Unterschied der Sichtweisen Goethes und Newtons wird schon an ihrer Herangehensweise deutlich. Während Newton einen schmalen Lichtstrahl durch ein Prisma schickte und das Farbspektrum beobachtete, das aus dem Prisma austrat, sah Goethe selbst durch ein Prisma und entdeckte dabei, daß diese prismatischen Farben an den Rändern zwischen hell und dunkel auftreten.
   Hier einige der interessanten Bilder von Dr. Bleeckens Website zu den Beobachtungen Goethes:
 
Farbe als Übergang zwischen schwarz und weiß - Dunkelheit und Helligkeit ohne Prisma
Abb. 1a
mit Prisma, waagerecht
Abb. 1b
 
 
   Während in  Abb. 1a die normale Sicht auf zwei schwarz-weiße Flächen zu sehen ist, wird in Abb. 1b dargestellt, was man bei einem Blick durch ein waagerecht gehaltenes Prisma (brechende Kante zeigt zur Abbildung) sehen kann: Es gibt zwischen dem Übergang schwarz-weiß und dem Übergang weiß-schwarz einen gravierenden Unterschied der Zwischenfarben.
 
  ohne Prisma
Abb. 2a
durch ein waagerechtes  Prisma gesehen
Abb. 2b
 
 
 In der Abbildung 2a wird Licht einmal in einem Spalt und einmal um einen Körper beobachtet.
Diese Farbverteilung in Abb. 2b an den schwarz-weiß-Übergängen ist nach den Beobachtungen aus Abbildung 1b logisch. Doch nun geschieht etwas spannendes: Wird der Spalt (weiße Fläche) bzw. der Körper (schwarze Fläche) verkleinert, sieht man folgendes Bild:
grün und violett sind deutlich erkennbar als Mischung zweier Farben, sie sind keine selbständigen Farben  wie im Newtonschen Spektrum ohne Prisma
Abb. 3a
mit Prisma
Abb. 3b
 
 
Erst jetzt tauchen die  Farben grün und lila (violett) auf. Während sie im Newtonschen Spektrum als selbständige  Farben angesehen werden, sind sie hier eindeutig als Überlagerung zweier anderer Farben erkennbar:
    grün entsteht erst aus der Überlagerung von  gelb und blau und
    lila entsteht erst aus der Überlagerung von rot und blau.

Ich denke, das kann man nicht so einfach abtun, es lohnt sich, darüber genauer  nachzudenken.
 
 
Nun will  und kann ich hier keine vollständige Erklärung des Goetheschen Ansatzes geben, ich will nur auf einige Besonderheiten aufmerksam machen.
Auch den folgenden, sehr interessanten Versuch kann ich hier nur andeuten, nicht umfassend auswerten. Die Größe der Abbildung wird nicht ausreichen, das Experiment am Bildschirm selbst nachzuvollziehen.
 
Das "Farb-Echo" - der "Nachhall" der gesehenen Farbe - auch er mischt sich mit "wirklichen" Farben öö
Abb. 4a

Abb. 4b
 
 
In Abbildung 4a kann man nach längerem Blick auf das Kreuz in der rot-orangen Fläche und anschließendem Blick auf das untere Kreuz in der grauen Fläche die "Komplementärfarbe" blau "sehen", obwohl sie physisch nicht vorhanden ist.
Wiederholt man nun den Versuch in Abbildung 4b, erscheint jedoch statt des blauen ein grünes Quadrat in der gelben Fläche zu schweben. Mit anderen Worten: Die "Nachhall"-Farbe des Auges (die "komplementär" ist, nur physiologisch bedingt ist) mischt sich hier mit einer realen Farbe.
Goethes Erkenntnisse - praktisch angewandt
Anwendung finden diese Besonderheiten des menschlichen Auges übrigens in der Medizin: die OP-Kleidung der Chirurgen ist grün, die Wände in den OP-Räumen sind wohl auch grün: so wird der "Nachhall" des gesehenen Blutes, der im Auge  "grün" erzeugt, nicht als fleckiger Spuk auf weißen Wänden wahrgenommen - er verschwindet in der grünen Umgebungsfarbe.
 
eine theoretische Frage
In der Physik wird den optisch wahrgenommenen  "realen" Farben  (den Farben, die im Auge durch das von Oberflächen reflektierte Licht bzw. die "Lichtfarben" wahrgenommen wird)  eine entsprechende Wellenlänge zugeordnet. Wir lernen, daß wir  dieses im Bereich zwischen etwa 380nm (nm: Nanometer; Farbe violett) und 750 nm (Farbe rot) sehen können. Davor und dahinter gibt es dann das "infrarote" und das "ultraviolette" Licht.
Doch wir lernen / wissen nicht, wieso diese  beiden  im entgegengesetzten Grenzbereich liegenden Farbempfindungen rot und violett ineinander übergehen wie gelb und rot oder gelb und blau. Denn die "linearen" Wellenlängen lassen sich als "Farbkreis" darstellen.  Das ist schon eine eigenartige Tatsache, die nach wie vor "unerklärlich" ist.
 
Goethe contra Newton
Wie S. Bleecken schreibt, hat Goethe den Kampf gegen Newtons Farbenlehre nicht nur um der verschiedenen Auffassungen zur Farbe selbst geführt, sondern es ging ihm vor allem darum, anhand dieses Beispieles einem umfassenderen Wissenschaftsbegriff und einem komplexeren Wissenschaftsverständnis zur  Anerkennung zu verhelfen.  Von Anfang an richtete sich seine Polemik gegen "die physiko-mathematische Gilde", die ihre Besitzstände durch Goethes Erkenntnisse bedroht sah und ihn deshalb so heftig bekämpfte.
Da auch dieser Teil der Wissenschaftsgeschichte, wenn überhaupt, eher einseitig aus Sicht der herrschenden (Newtonschen) Auffassungen betrachtet wird, lohnt sich auch ein Blick auf Goethes Wissenschaftsverständnis insgesamt:
 
 
3. Goethes Wissenschaftsverständnis
Der Teufel und die Wissenschaft
Wer Goethes "Faust"  richtig gelesen hat, findet schon dort eine Reihe seiner wissenschaftskritischen Gedanken, oft dem Mephisto in den Mund gelegt:

"Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist herauszutreiben,
Dann hat er die Teile in seiner Hand,
Fehlt, leider! nur das geistige Band"

"Daran erkenn ich den gelehrten Herrn!
Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern,
Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar,
Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr,
Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht,
Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht!"

 
Analyse und Synthese ...
Analyse und Synthese, Quantität und Qualität, mathematisch Darstellbares und mathematisch nicht Darstellbares - immer sind es zwei Seiten, die beachtet werden müssen. Konzentriert sich die Wissenschaft nur auf eine der Seiten, nur auf einen Aspekt, so fehlt ihr der andere und sie läuft Gefahr, die Welt einseitig  und nicht mehr objektiv darzustellen.
Heutiges Wissenschaftsverständnis orientiert sich jedoch einseitig an Analyse, Quantität und mathematischer Darstellbarkeit. In diesem Sinne fehlen ihr wichtige Komponenten. Diese Tendenz war schon zu Goethes Zeiten erkennbar und von ihm als Gefahr für die Wissenschaft auch erkannt worden.

Ich zitiere hier aus der Website S. Bleeckens: (im Thema "Buchprojekt" auf der Seite "Babylon")
 
 
3. Goethes Kritik an den geistigen Grundlagen der modernen Naturwissenschaft

Goethe kann mit Fug und Recht als Vordenker einer zweiten wissenschaftlichen Revolution angesehen werden. Um besser zu verstehen, um was es hier geht, müssen einige Worte zu derjenigen "wissenschaftlichen Revolution" gesagt werden, die zur Entstehung der modernen Naturwissenschaft geführt hat und die mit den Namen Descartes (1596 - 1650), Galilei (1564 - 1642) und Newton (1643 - 1727) verbunden ist. Der Beitrag von Descartes an dieser Entwicklung bestand in der analytischen oder zergliedernden Denkmethode, wonach Gedanken und Probleme, die sich als Ganzes einer Bearbeitung entziehen, in Teile zerlegt und diese in ihrer logischen Ordnung aufgereiht werden können. Galilei führte das Experiment in die Wissenschaft ein und lenkte die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler auf die quantifizierbaren Eigenschaften der Materie. Sein Credo: "Zu messen, was man messen könne, und meßbar zu machen, was man noch nicht messen könne", ist zu einem methodischen Grundaxiom der modernen Naturwissenschaft geworden. Newton schließlich vervollständigte die erste und entscheidende Phase der wissenschaftlichen Revolution, indem es ihm gelang, die damals bekannten physikalischen Fakten mit Hilfe weniger mathematischer Formeln zu beschreiben. Aus diesen nach ihm benannten Gesetzen der Mechanik ließen sich alle damals bekannten Phänomene der terrestrischen und Himmelsmechanik ableiten. - Das dreiteilige Credo der modernen Naturwissenschaft, wonach nur das existiere, was sich analysieren, messen und mathematisch beschreiben läßt, hat Goethe in allen seinen Teilen in Frage gestellt.

3.1. Es fehlt, leider! nur das geistige Band

Goethe hat sich immer wieder gegen die einseitige Verwendung der analytischen Methode in der herrschenden Naturwissenschaft gewandt. Seiner Veranlagung entsprach es, die Naturforschung in erster Linie synthetisch zu betreiben und von der Analyse zu fordern, daß sie das Ganze nicht aus dem Blick verliert. In der Schrift "Analyse und Synthese" aus dem Jahre 1829 heißt es: "Ein Jahrhundert, das sich bloß auf die Analyse verlegt und sich vor der Synthese gleichsam fürchtet, ist nicht auf dem rechten Wege; denn nur beide zusammen, wie Ein- und Ausatmen, machen das Leben der Wissenschaft. ... Die Hauptsache, woran man bei ausschließlicher Anwendung der Analyse nicht zu denken scheint, ist, daß jede Analyse eine Synthese voraussetzt".
(Hervorhebungen im Zitat von mir - B. K.)
 
Allgemein unbekannt dürfte sein, daß Goethe ein komplexes Wissenschaftskonzept  einer ganzheitlichen Naturwissenschaft entworfen hat, die er "Morphologie" nannte.
 
Eine "weibliche" Physik  / Fremdtexte/ Bleecken, S.