| 13. Die Selbstbewegtheit der Materie - Analogien zwischen physikalischen und gesellschaftlichen Phänomenen |
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Das schöne an physikalischen Gesetzen ist, daß sie sich in modifizierter Form auch auf höheren Ebenen, vor allem auf der Ebene der menschlichen Gesellschaft, finden lassen: sie wirken in allen Formen der Materie. |
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| Einkristalle, Regenwolken und die Reformation |
Einmal, noch in meiner Jugend, las ich einen Vergleich zwischen der Züchtung von Einkristallen und dem Wirken historischer Personen in besonderen Umbruchszeiten. Luthers Thesenanschlag wurder verglichen mit der Wirkungsweise eines Kondensationskerns in einer übersättigten Lösung, an dem die Kristalle zu wachsen beginnen. Auch der Vergleich mit übersättigtem Dampf in einer Wolke, der erst an kleinsten Staubkörnchen zu kondensieren beginnt, war gezogen worden.
Für mein Verständnis historischer Prozesse und vor allem der Dialektik zwischen den objektiven Bedingungen und dem sogenannten "subjektiven Faktor", dem individuellen Verhalten von Menschen, war dieser Vergleich von außerordentlicher Wichtigkeit. |
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| Ist der Umkehr-Schluß möglich? |
Nun könnte man andersherum fragen: Kann man aus gesellschaftlichen Erscheinungen heraus (im weitesten Sinne gemeint - also sowohl ökonomische, politische und soziale als auch psychologische und geistige Erscheinungen) nach Parallelen in der Physik suchen?
Wie sieht es mit gruppendynamischen Erscheinungen aus, sind sie mit thermodynamischen Prozessen vergleichbar?
Verbreiten sich Informationen analog zu Kettenreaktionen in der Atomphysik?
Es dürften viele Beispiele möglich sein, anhand derer gezeigt werden kann, daß diese Parallelen immer und überall existieren.
Doch nun will ich wieder von der Definition des Lebens ausgehend Parallelen in der Gesellschaft suchen: |
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| Parallelen zwischen dem Leben in der physikalischen Beschreibung und psychologisch beschreibbaren Vorgängen |
Hier einige erste Gedanken zu Analogie bezüglich der "Selbstbewegtheit":
Die Familie von Adolf Merckle, der zu den reichsten Männern Deutschlands gehört hat, erklärt dessen Selbstmord damit:
Die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, habe ihn in den Tod getrieben.
Er ist offenbar ein Opfer der Finanzkrise geworden. ...
Ich verstehe nicht, wieso ihm so gar kein Handlungsspielraum mehr geblieben sein soll...
Es gibt zur Denk- und Handlungsweise von Herrn Merckle eine sehr spannende philosophisch-physikalische Verallgemeinerung:
Viele philosophische Konzepte haben die "Selbstbewegtheit der Materie" zum Inhalt, besonders Aristoteles ist hier als eine Art "Vordenker" zu nennen. Andererseits hat die Physik per Selbstdefinition erklärt, daß die Bewegungsvorgänge in lebenden Körpern nicht zu ihrem Erklärungsfeld gehören.
Das hatte mir zu denken gegeben, und so habe ich einmal versucht, in der Sprache der Physik Leben zu beschreiben. Der erste Gedanke dabei war:
Leben ist Bewegung gegen äußere Kräfte.
Das meint, daß ein lebendes System äußeren Kräften nicht hilflos ausgeliefert ist. Mein Lieblingsbeispiel ist die Katze, die gegen die Kraft der Erdanziehung auf den Tisch springen kann. So ein lebendes System benötigt also eine innere Energie bzw. Kraft, die es von einer "Steuerzentrale" aus steuern, lenken bzw. regeln kann, sowohl hinsichtlich des Beginns der Freisetzung dieser Kraft, als auch hinsichtlich ihrer Stärke und ihrer Richtung sowie der Zeitspanne des Wirkens dieser Kraft. Darüber hinaus muß ein äußerer Freiraum vorhanden sein, in den hinein sich das lebende System bewegen kann.
Natürlich gibt es einen Grenzwert im Verhältnis von inneren und äußeren Kräften. Wenn die äußeren Kräfte die inneren übersteigen, kann sich das System nicht mehr selbständig bewegen. Dann ist das Lebenwesen "fremdbestimmt" bzw. "fremdgesteuert". Gehen diese äußeren Kräfte von anderen Menschen aus, ist der Betroffene dessen "Sklave". Meist nimmt diese äußere Kraft bzw. Macht Einfluß in Form von Zwangsarbeit oder auf sexuellem Gebiet von (Zwangs-)Prostitution. Auch äußere physische Gewalt, insbesondere gegen Frauen, ist bewährtes Mittel, die "Selbstbwegtheit", die "Freiheit" eines Menschen einzuschränken.
Ein lebendes System, das am Bewegen gehindert wird, ist so gut wie tot. Sperrt man Menschen ein, fesselst sie, zwingt ihnen sämtliche ihrer Bewegungen von außen auf oder nimmt ihnen den inneren Bewegungsdrang auf andere Art, sind sie in gewisser Weise "tot". Bewegung ist das erste Lebensbedürfnis an sich. Das Ohnmachtsgefühl ist eine subjektive Widerspiegelung der objektiven Tatsache, daß sich dieses Lebensbedürfnis nicht befriedigen läßt. Oft reagieren Menschen darauf mit Lethargie, Aggressivität und Gegengewalt oder Zerstörungswut. Manchmal richten sich diese nicht zur Aktion kommenden inneren Kräfte und Energien auch gegen sich selbst: Autoaggression und Selbstzerstörung des an seinem ersten Lebensbedürfnis gehinderten Menschen sind die Folge.
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Ich zitiere gekürzt aus einem Text in den losen Gedanken in:
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| Parallelen: Fremdbestimmtheit im Handel und beim Arzt - die Ignoranz der Kompetenz |
Auch das traditionellen Konzept der Fremdbewegtheit der Materie (Impuls, äußerer Anstoß; keine Bewegung aus innerem Antrieb heraus) spiegelt sich in gesellschaftlichen Erscheinungen wider - überall, wo Vorgaben die eigene Entscheidungsfreiheit einengen, obwohl sie in der Kompetenz der jeweiligen Berufe liegt:
Da sollte man z. B. meinen, ein Händler als Mittler zwischen Hersteller und Kunde sei so eine Art "Zwischeninstanz", die gegenüber dem Hersteller die Interessen des Kunden vertritt: er sollte z. B. in der Lage sein, selbständig (!) auszuwählen, welche Produkte er einkauft und welche er nicht haben will. Aber nein - er muß (z. B. als Leiter einer Filiale einer Riesenkette) die Anweisungen von oben befolgen. Er muß bestimmte Produkte im Angebot haben, die in seiner Region kein Kunde kaufen will. Er kann andererseits nicht einfach Produkte ins Angebot aufnehmen, nur weil er weiß, daß seine Kunden diese gern kaufen möchten: es gibt neben den sogenannten "Listungen" auch Diktate der Hersteller, meist über den Preis geregelt, aber auch anderer Möglichkeiten, auf die ich nicht weiter eingehen möchte. Händler wissen, was ich meine.
Ähnlich geht es heute Ärzten, deren Kompetenz (Selbständigkeit, eigene Entscheidungskraft) in Frage gestellt wird, wenn die Krankenkassen mit bösen finanziellen Folgen drohen, falls der Arzt bestimmte Budgets überzieht, z. B. zu viele Medikamente verschreibt.
Diese Ignoranz der Kompetenz, der Sachkunde, der Fähigkeit zu klugen Entscheidungen vor Ort, diese Fremdbestimmtheit dürfte übrigens in der Summe gesehen, eine durchaus systemschädigende bis systemzerstörende Wirkung haben.
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| Die Wechselwirkung von physikalischen Gedankenansätzen und allgemeinen Weltbildern |
Nun liegt natürlich der Gedanken nahe, daß ein bestimmtes physikalisches Bild Auswirkungen auf gesellschaftliche Verhältnisse hat:
Das Konzept der Fremdbewegtheit führt zur Fremdbestimmung der Menschen im gesellschaftlichen Leben.
Andersherum könnte man meinen, daß, wenn man die wirkliche Freiheit der Menschen, ihre Selbstbestimmung und
"Selbstbewegtheit" gesellschaftlich realisieren will, man mit Hilfe eines physikalischen Bildes (dem von der Selbstbewegtheit der Materie schlechthin) schneller, besser und leichter dieses gesellschaftliche Ideal realisieren könnte.
Es ist also zu fragen, welcher Zusammenhang zwischen physikalischen Bildern und Gedankenansätzen einerseits und den Weltbildern der Menschen andererseits herrschen.
Das gehört ausführlicher im Thema "Erkenntnistheorie"
behandelt und ich werde versuchen, einige Gedanken dazu bald zu ergänzen. |
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| Die These vom Zusammenhang zwischen Selbstbewegtheit und Zielgerichtetheit der Bewegung
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Im Wörterbuch, auf der Seite "Freiheit" stelle ich die Behauptung auf, daß die "Selbstbewegtheit der Materie" nur vorstellbar ist, wenn diese Bewegung zielgerichtet erfolgt. Diese These habe ich noch nicht ausreichend auf ihre Gültigkeit überprüfen können. Vielleicht gibt es ja ein Gegenbeispiel?
Die philosophisch spannende Frage hinter dem Modell von der Selbstbewegtheit der Materie ist die nach der Richtung, in die die Bewegung erfolgten soll. Es hat den Anschein, daß eine solche Bewegung nur erfolgen kann, wenn sie ein Ziel hat. Die Betonung liegt auf "nur". Meine Behauptung (These) lautet daher:
Ohne ein Ziel ist Selbstbewegung nicht vorstellbar.
Wenn Sie ein Gegenbeispiel wissen, bitte schreiben Sie es mir.
Mit anderen Worten, will man die mögliche Zielgerichtetheit von Bewegungen der Physik fernhalten, muß man auch die Selbstbewegtheit "abschaffen" - und umgekehrt. |
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| 14. Weitere Notizen zur physikalischen Sicht auf Leben -
Leben und Temperatur |
| Das System Leben |
Letztlich kommt man am weitesten, wenn man das Leben ganz allgemein aus systemtheoretischer Sicht betrachtet. Ein System ist gekennzeichnet durch ein "Innen" und ein "Außen": das "Innen" eines Systems führt ein nur bedingt mit der Umwelt in Wechselwirkung stehendes "Eigenleben" - einige Verhaltensweisen lassen sich also nicht aus dem Einfluß der Umwelt allein erklären.
Nimmt man das einfache physikalische Phänomen des Temperaturausgleichs zwischen zwei Körpern, so muß man feststellen, daß dieser Temperaturausgleich zwar auch zwischen einem lebenden System und seiner Umwelt stattfindet, daß ein höher entwickeltes Lebens-System jedoch in der Lage ist, diesem Temperaturausgleich eine Innentemperatur gegenüberzustellen, die selbst erzeugt wird: lebende Systeme höherer Struktur besitzen die Fähigkeit, eine innere Temperatur zu erzeugen, die über der Umgebungstemperatur liegt - sie produzieren sozusagen Temperaturdifferenzen.
Wo Leben herrscht, ist also der - früher einmal so sehr befürchtete - "Wärmetod" ausgeschlossen: Jeder Temperaturausgleich wird aufgehoben durch die Erhöhung der Innentemperatur. |
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