Als ich vier Jahre alt war, hatte ich eine alte, kaputte Puppe, Fridolin mit Namen. Der verdanke ich die größte Erkenntnis meines Lebens:
Eines Tages sagte ein Erwachsener zur mir:
„Dein Fridolin ist ja schon so kaputt und alt. Möchtest du nicht eine neue Puppe haben? Fridolin werfen wir weg.“
Voller Entsetzen begann mein Gehirn ganz schnell zu arbeiten, um die Puppe zu retten. Schüchtern schlug ich vor:
„Fridolin muß nicht weggeworfen werden, er braucht nur neue Arme, neue Beine, einen neuen Kopf und einen neuen Bauch.“
In diesem Augenblick, als der Satz ausgesprochen war, durchzuckte mich die Frage:
Was unterscheidet diesen „neuen Fridolin“ denn dann noch von einer völlig neuen Puppe?
Ich fand das so komisch, daß ich lachen mußte. Der Erwachsene lachte auch – später begriff ich, daß er mich für blöd gehalten hatte mit meinem „dummen“ Vorschlag. Denn ihm war sofort klar, daß das dann ebensogut gleich eine neue Puppe sein kann.
Übrigens, was meinen Sie – ist Fridolin, wenn man ihm
nach und nach die einzelnen Körperteile erneuert,
noch Fridolin, oder ist es eine neue Puppe?
Diese Episode halte ich deshalb für erwähnenswert, weil ich damals von einem Augenblick zum anderen etwas „wußte“, was ich erst viel später und durch jahrelange Beschäftigung mit Mathematik, Physik und Philosophie verstand:
der allmähliche Austausch von Teilen eines Systems hält dieses stabil, verhindert seine Alterung. Die Identität bleibt erhalten, obwohl oder gerade weil sich dieses System ständig ändert und erneuert. Ohne den Austausch von Teilen des Ganzen würde das Ganze, das System „sterben“, "vergehen" : Panta rhei – alles fließt (Heraklit)
Diese Gedanken,
daß „alles, was existiert, nur existieren kann,
wenn es sich ständig verändert,
Veränderung die
Grundeigenschaft allen Seins ist,“ wurden zu einem wesentlichen Ausgangspunkt für meine Sicht auf das, was „die Welt im Innersten zusammenhält“, für mein Atommodell. Und deshalb heißt es halt „Fridolin“.