In der Ankündigung zum Vortrag war zu lesen:
Wie kommt das Weltbild in das Naturgesetz?
Die Regeln, nach denen wir spielen (forschen), beinhalten bereits klare Standards und Vorannahmen über Natur. Die Mitspieler(innen), mit denen wir spielen sind stets Gleiche unter Gleichen: Wissenschaft wird von Wissenschaftler(inn)en ausgehandelt, und von sonst niemandem. Was aber ist in deren (unseren) Köpfen? Welche Weltbilder bringen wir mit. Welche Vorstellungen entstehen im laufe unserer Verhandlungen über Natur? Welche Bilder erzeugen wir durch Metaphern und Vergleiche? Und wie fügt sich das Ganze zu einem kompakten Naturgesetz? Anhand des Fallbeispiels Quantenmechanik möchte ich zeigen, wie Weltbilder in Naturgesetze hinein - und von dort wieder in die Gesellschaft herausfließen.
Bezug zum Schwerpunkt
Meine Dissertation erforscht die Standardisierung von Wissen, die Frage, wie denn Standards - im konkreten Fall die Quantenmechanik - entstehen.
(Zitatende)
Soweit der Text aus dem Programm, ihre mündliche Eingangsfrage war direkter:
Quantenmechanik - bildet sich in dieser Theorie etwas ab, das nur von Männern gemacht wurde?
Hier ein kleiner Auszug aus meinen Notizen:
- Am Beispiel der Physik zeigt sie, daß
Wissenschaft sich bereits über Fragestellungen definiert. Es gibt wissenschaftliche und unwissenschaftliche Fragestellungen. Bestimmte Fragen werden von der Wissenschaft von vornherein ausgeschlossen.
- Ganz allgemein fragt sie: lassen sich soziale Komponenten in Theorien erkennen? Diese Frage muß über die Individuen festgemacht werden, ihr Alter, ihr Geschlecht, die Religion und das soziale Umfeld.
Zusammengefaßt muß also untersucht werden:
Aus welchem Ideenfeld kommen die Wissenschaftler und hat dieses Einfluß auf ihre eigenen Ideen?
- In welcher Gruppe leben Wissenschaftler? Der Begriff der "scientific community" macht anschaulich, daß Wissenschaftler Gruppen bilden, die sich durch besondere Eigenschaften von anderen Menschengruppen unterscheiden. Mit anderen Worten:
soziologische Erkenntnisse über Gruppen haben auch für diese Gruppen ihre Gültigkeit
So stellen die Physiker eine "soziale Einheit" dar, die man nach solchen Fragen analysieren kann wie z. B.:
- Wer hat sich schon in ihr durchsetzen können - nach welchen Kriterien?
Man untersucht Gepflogenheiten, soziale Hierarchien, kognitive Hierarchien, ...
Am Beispiel des Professoren-Nachwuchses wird deutlich, daß dieser "oft nur über Netzwerke erfolgreich" ist.
- Zur Rolle der wissenschaftlichen Autorität findet sie eine interessante Formulierung: sie meint, daß diese Autorität etwas sagt, "die anderen
reproduzieren seine Meinung".
- Auch "kulturelle und politische Rahmenbedingungen" hat sie untersucht, ebenso wie wissenschaftliche Gepflogenheiten und den Einfluß ökonomischer Ressourcen.
- Im Rahmen ihrer Fragestellungen:
Was ist Wissenschaft? Was ist Teil der wissenschaftlichen Praxis?
Was bringt Popularisierung von Wissenschaft mit sich?
formuliert sie ein Problem der Theoretischen Physik:
Daß einheitliche Interpretationen bis heute nicht gelingen, gibt zu denken.
Interpretation wird zugewiesen, d. h. hier beginnt der Einfluß der sozialen Welten, von Geldgebern, Politikern, Medien. Doch erst mit der Popularisierung ist die Quantenphysik "in der Welt", ansonsten hat sie "keine Bedeutung". D. h. diese Interpretationen führen zur "Beliebigkeit" .
- Wird in der Wissenschaft Wert auf eindeutige und exakte Definitionen gelegt,
ermöglichen die vagen und zugleich umfassenden Definitionen (wie sie für die Popularisierung notwendig sind)
erst die Kooperation zwischen verschiedenen sozialen Welten. D. h. sie ermöglichen es erst, Gemeinschaftswerke unterschiedlicher Akteure zu realisieren. Damit ist auch der "
Mythos Konsens" nicht notwendig.
Nur auf diesem Weg ist es auch möglich, daß das mittels Naturwissenschaft produzierte Wissen Einfluß auf die Welt nehmen kann.
Andererseits bildet sie Kriterien aus, wie wir die Wirklichkeit wahrzunehmen haben.
- B. Ratzer sagt, sie hat erkannt, daß "zwei verschiedene Meinungen auch in der Wissenschaft richtig sein können."
Zur Kopenhagener Deutung der Quantenphysik sagt sie, sie habe mehr als sechs verschiedene Deutungen bzw. Erklärungen herausgesucht, aber keine ergibt einen Sinn.
- In der Diskussion wendet sie d
as Bild vom Welle-Teilchen-Dualismus auf Mann und Frau an.
- Eine Astrophysikerin wirft ein, daß Frauen andere Ideen produzieren als Männer und manche Ideen sich in bestimmten Machtstrukturen nicht durchsetzen lassen.
- Eine andere sagt:
Heute macht keiner mehr Theoriebildung, nur noch mathematische Simulationsmodelle.
-
Eine weitere Teilnehmerin bemerkt,
daß es heute leichter ist, gesellschaftliche Konzepte in der Wissenschaft wiederzufinden als Geschlechter. Sie streift kurz das Stichwort "Frauen- und Männerphysik" und dann ist frau sich zum Schluß ziemlich einig, daß
das daran liegt, daß Wissenschaft nach wie vor einseitig männlich geprägt ist.